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Aus: Ausgabe vom 18.01.2020, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Laufsteg des Absurden

Der Film »Vom Gießen des Zitronenbaums« zeigt den Menschen als Zuschauer und die Welt als Kulisse
Von Hannes Klug
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Als wäre er nicht da: Elia Suleiman (M.)

Ein Mann sitzt allein in einem Café in Paris, besser gesagt: davor. Kleine runde Tische stehen dicht an dicht, die Stühle in Richtung des Bürgersteigs ausgerichtet, als wäre ihr Zweck, den davor liegenden kleinen Ausschnitt der Welt in Zuschauende und Akteure zu unterteilen. Ein Trupp von vier Polizisten taucht auf und marschiert erst auf den einsamen Gast zu, anschließend vermessen die Beamten in aller Ruhe die Terrasse, so als existierte er gar nicht.

Der Bildausschnitt plaziert den Gast in der Mitte der Leinwand, während sich um ihn herum ein absurdes Schauspiel vollzieht, das aus nichts anderem als dem Ausrollen eines Maßbandes und dem pflichtbewussten Notieren der abgelesenen Zahlen besteht. Allerdings ist diese Arbeit so exakt choreographiert und der zum Statisten degradierte Protagonist ihr so unbeteiligt und doch in zentraler Position ausgeliefert, dass darin eine ganze Weltsicht schlummert: Elia Suleiman, der sich in seinem Film »Vom Gießen des Zitronenbaums« selbst spielt, ist ein Reisender, dem die Welt fremd geworden ist. Er spricht nicht, schaut nur und wundert sich. Statt zu verzweifeln oder sich mit seiner Umgebung anzulegen, geht Suleiman in der passiven Rolle des Beobachters auf.

Zuhause ist Suleiman im israelischen Nazareth, wo ein Nachbar heimlich dessen Zitronen pflückt, sich aber gleichzeitig fürsorglich um den Baum in Suleimans Garten kümmert, der das Geschehen wiederum ratlos von seinem Balkon aus verfolgt. Dann bricht Suleiman, ein sanftmütiger älterer Herr mit Jackett, Hut und Brille, auf nach Paris, wo die Frauen auf dem Bürgersteig wie auf einem Laufsteg an ihm vorbeiziehen, Panzer auf dem Weg zu einer Militärparade durch Straßen rollen und eine Verfolgungsjagd durch Polizisten auf Segways anmutet wie absurdes Ballett.

»Vom Gießen des Zitronenbaums« ist eine Komödie, die den Einzelnen aus der Welt herausnimmt, indem sie ihn mitten hinein stellt, und die dessen Befremden über das, was sich um ihn herum abspielt, zum Kern menschlichen Befindens erhebt. Die Komik entspringt dabei oft der Banalität der Ereignisse und der Tatsache, dass diese Ereignisse sich gerade nicht in einer Pointe auflösen, sondern sich als Situationen permanenten Unbehagens allenfalls in ihrer Absurdität steigern.

Der Autor und Regisseur Suleiman befindet sich filmgeschichtlich in guter Gesellschaft: Während die wie an einer Mittelachse gespiegelte Bildkomposition oft an Wes Anderson erinnert, findet man die seriell aneinander gereihten, absurden Episoden etwa auch bei dem schwedischen Filmemacher Roy Andersson, der die Tragik menschlicher Existenz in grotesken Anordnungen erkundet. Jim Jarmuschs subtraktive Ästhetik spielt für Suleiman immerhin eine so große Rolle, dass er den Song »I Put a Spell on You« zitiert, der sich als Leitmotiv durch »Stranger than Paradise« zieht. Die Figur Suleiman wiederum schaut auf die Welt, wie es Buster Keaton vor hundert Jahren tat: abgrundtief melancholisch.

Suleimans Aussichtspunkte sind Cafés oder Balkone, manchmal spaziert er einen Kanal entlang, geht durch verlassene Straßen oder über einen menschenleeren Platz. Vor allem ist er allein, egal, wo er sich gerade aufhält. Von Paris aus führt seine Reise nach New York, wo er wie in »Night on Earth« im Taxi sitzt oder im Central Park Zeuge wird, wie Polizisten slapstickhaft versuchen, eine Engelsfigur einzufangen. Auch »Der Himmel über Berlin« lässt grüßen.

Immer wieder mischen sich subtile Zeichen der Gewalt in den Alltag. In New York kauft Suleiman in einem Nachbarschaftsladen ein und stellt fest, dass jeder eine Waffe trägt: Pistolen im Halfter, Gewehre über der Schulter. Jemand steigt mit einer Panzerfaust aus einem Taxi aus. Suleiman hat den Film, der im Wettbewerb von Cannes 2019 mit dem Fipresci-Preis für den besten Spielfilm ausgezeichnet wurde, Palästina gewidmet.

»Vom Gießen des Zitronenbaums«, Regie: Elia Suleiman, Katar, Frankreich, Deutschland, Kanada, Türkei, Palästina 2019, 102 Min., bereits angelaufen

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