Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit
Gegründet 1947 Freitag, 21. Februar 2020, Nr. 44
Die junge Welt wird von 2228 GenossInnen herausgegeben
Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit
Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit
Aus: Ausgabe vom 18.01.2020, Seite 1 / Titel
»Wir haben es satt«

Agrarwende? Geht doch!

Zehntausende Teilnehmer zu Protestdemo erwartet. Ministerin Klöckner verteidigt Profitinteressen der Großkonzerne und verspottet Kritiker
Von Steffen Stierle
S01-Webillustration1100x526.png

An scharfen Konflikten mangelt es der agrarpolitischen Debatte nicht, wie die Auseinandersetzungen rund um die am Freitag in Berlin eröffnete »Grüne Woche« zeigen. 500 Landwirte folgten mit ihren Traktoren dem Aufruf des Netzwerks »Land schafft Verbindung«, das gegen schärfere Umweltauflagen mobilisierte. Am Samstag erwartet das Bündnis »Wir haben es satt« Zehntausende Teilnehmer zu Demonstrationen für ­eine »Agrarwende« hin zu kleinbäuerlichen und ökologisch nachhaltigen Produktionsweisen.

Die Aktionen am Wochenende richten sich gegen den Einfluss der mächtigen Agrarindustrie und die Politik ihrer vordersten Frontkämpferin, Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). »Seit Jahrzehnten stemmt sich die Agrarlobby gegen jede Veränderung«, heißt es im Aufruf des von 55 Organisationen getragenen Bündnisses. Klöckner lasse die Bauern bei den notwendigen Veränderungen allein. Sie wolle die Milliardensubventionen »weiter denen geben, die viel Land besitzen – egal, wie sie ­wirtschaften«. Auf EU-Ebene wird derzeit die Zukunft der »Gemeinsamen Agrarpolitik« (GAP) verhandelt. Vorschlägen, die Mittelvergabe stärker an ­ökologische Kriterien zu koppeln, erteilte Klöckner eine klare Absage.

Weiteren agrarpolitischen Spreng­stoff für die kommenden Monate beinhalten etwa das geplante EU-Mercosur-Handelsabkommen, die Düngemittelverordnung, das Agrarpaket der Bundesregierung sowie die Ackerbaustrategie. Klöckner propagiert Gentechnik als probates Mittel gegen den Klimawandel und will restriktive EU-Regeln aufweichen. Die Ministerin hat einen klaren Kompass. Es gilt, die Profitinter­essen der im mächtigen Deutschen Bauernverband organisierten Agrarkonzerne gegen Kleinbauern, Tierschützer und Klimaschutzaktivisten zu verteidigen. Dass das Mercosur-Abkommen der Regenwaldrodung und Menschenrechtsverletzungen im Brasilien des faschistischen Präsidenten Jair Bolsonaro Vorschub leistet, wiegt wenig, wenn es den Bedarf der deutschen Massentierhaltung an billigen Sojaimporten zu decken gilt. Die Düngemittelverordnung wird aufgeweicht, das Ende des grausamen und illegalen Kükenschredderns ebenso rausgezögert wie das Aus für das Pflanzengift Glyphosat.

Schließlich hat sich der deutsche Chemieriese Bayer mit der Übernahme des Glyphosat-Produzenten Monsanto 2016 schon genug Ärger eingehandelt. So sind in den USA mittlerweile rund 80.000 Klagen von geschädigten Nutzern des mutmaßlich krebserregenden Mittels anhängig, wie Konfliktmediator Kenneth Feinberg am Donnerstag gegenüber Bloomberg verriet. Bislang hat der Konzern sämtliche Verfahren verloren und ist zu millionenschweren Entschädigungszahlungen verdonnert worden.

Wenn die Verbraucher Tierquälerei, Amazonas-Rodung und Pflanzengift nicht wollen, müssen sie die Produkte ja nicht kaufen, mit denen ihre Politik die Märkte überflutet, so die Logik der Bundesagrarministerin. »Ich mute uns Verbrauchern unsere Freiheit und unsere Mitverantwortung zu«, sagte sie zur Eröffnung der »Grünen Woche« am Freitag. Die Kritik an ihrer Politik versucht sie ins Lächerliche zu ziehen. »Wir werden nicht mit romantisierenden Bullerbü-Vorstellungen zurück zu einer vormodernen Landwirtschaft kehren«, sagte sie am Donnerstag bezogen auf die geplanten Proteste. »Wir haben es satt«-Sprecherin Saskia Richartz sagte gegenüber jW: »Frau Klöckner wirft engagierten Bauern und Bürgern Bullerbü-Mentalität vor und schwingt gleichzeitig Lobreden auf Konzerne wie Nestlé.« Das zeige, wessen Geistes Kind sie sei.

Demonstration »Wir ­haben es satt«, Samstag, 12 Uhr, ­Brandenburger Tor, Berlin

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus Berlin (18. Januar 2020 um 01:43 Uhr)
    Oder wir sind nicht die Fleischfresser, also der Meinung, dass weniger Tiere getötet werden sollen. Diese Tatsache, dass jeder von uns 60 Kilo Fleisch pro Jahr verzehrt, ist blöde. Zwar läuft es noch so, aber wir können diesen enormen Missbrauch kürzen und beenden.

    Guacamole! Schmeckt viel besser als Fleisch oder Fisch!
    • Beitrag von Edgar S. aus Berlin (18. Januar 2020 um 09:01 Uhr)
      Klar, aus der Wasserressourcen verschwendenden Avocado! Also ...

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Demo der Agrarindustrie? Brandenburger Bauern fahren bei einer P...
    17.01.2020

    »Es führt zu hemmungsloser Ausbeutung«

    Großdemonstration in Berlin für Schutz natürlicher Ressourcen. Kritik an geplantem Handelsabkommen mit Mercosur. Ein Gespräch mit Arno Behlau
  • Auch am Sonnabend werden wieder Traktoren durch die Hauptstadt f...
    14.01.2020

    Wenig Hoffnung

    Aus Anlass der »Grünen Woche«: Naturschützer und Bauern fordern EU-weite Agrarreform und ziehen ernüchternde Bilanz der Landwirtschaftspolitik

Regio:

In Zeiten von Desinformation, Sozialabbau und Kriegsvorbereitung brauchst Du eine progressive Tageszeitung mehr denn je.
Mit einem Abo Dich selbst und die junge Welt stärken und den herrschenden Verhältnissen etwas entgegensetzen: