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Aus: Ausgabe vom 17.01.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Der Schaffner nimmt einen Zug. Kurzgeschichte

Von ,Pierre Deason-Tomory
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Was ist denn hier los?

Ein etwa 50 Jahre alter Mann im Anzug bestellt im Speisewagen des Intercity von Hamburg nach München ein Bier. Als die Kellnerin es ihm bringt, zündet er sich eine Selbstgedrehte an und bittet um einen Aschenbecher. Die Kellnerin ruft entsetzt: »Sie können hier aber keine Zigaretten rauchen!«
»Das ist keine Zigarette, sondern ein Tütchen.«
»Machen Sie sofort die Zigarette aus!«
»Ja, wo denn? Auf dem Tisch hier, oder soll ich sie auf dem Teppichboden ausdrücken?«

Der Schaffner kommt: »Was ist denn hier los?«
Fahrgast: »Sie gibt mir keinen Aschenbecher.«
Kellnerin: »Er rauscht Rauchgift!«
Schaffner: »Aber Sie dürfen doch hier im Speisewagen nicht rauchen, mein Herr!«
Fahrgast: »Im Abteil hinten hat mich eine junge Mutter darum gebeten, nicht zu rauchen, wegen ihres Kindes, also –«
Schaffner: »Das riecht aber würzig!«
Fahrgast: »Ja, haut auch gut rein.«

Er trinkt sein Bier aus und sagt zur Kellnerin: »Würden Sie mir bitte noch ein Bier bringen? Vom Kiffen werde ich immer so durstig.«
Schaffner: »Kann ich mal ziehen?«
Fahrgast: »Natürlich.«

Der Schaffner nimmt einen Zug, zieht die Augenbrauen hoch, gibt die Tüte zurück und meint: »Wirklich ganz ausgezeichnet!«
Fahrgast: »Ja, nicht? Aber wenn ich nicht bald einen Aschenbecher bekomme, verbrenne ich mir die Finger!«
Kellnerin: »Ich bestelle die Polizei zum nächsten Bahnhof! Das ist ja wohl die Höhe!«
»Aber Kiffen ist doch nicht verboten«, belehrt sie der Schaffner, »nur Handel und Herstellung. Ich würde auch ein Bier wollen, Gerda, das Zeug macht wirklich durstig.«

Die Kellnerin schlägt die Hände vor den Kopf und geht nach hinten. »Das turnt aber schnell«, schmunzelt der Schaffner, »mir ist etwas mummrig.«
»Aber setzen Sie sich doch. Wo müssen Sie raus? Ich fahre bis Dortmund.«
»Oh, wir mahren aber nach Mümchen!«
»Tatsächlich?«
»Meigen Sie mir mal Ihren Mahrschein.«

Der Fahrgast wirft den den Rest der Tüte ins leere Bierglas und wühlt in seinen Jackettaschen: »So was Blödes, wo ist denn das Ticket?«
»Das mird teuer, mein Herr.«
»Wird noch zu Hause liegen, ich bin immer so schusslig.«
»Kommt vor. Mollen Sie nicht noch so eine Migarette drehen?«
»Aber gerne.«

Durch die Lautsprecher hört man eine Frauenstimme: »FIIEP! In wenigen Minuten werden KRRZTKNGG für einen unvorhergesehenen Halt in BROOHM. Bitte bleiben CHRRR auf Ihren Sitzen und verlassen Sie nicht den Zug. FIIEP!«

»Die dicke Gerda spielt mieder mit dem Mikromon, eiei«, sagt der Schaffner, lockert seine Krawatte und legt seine Mütze auf den Tisch.
»Hier, wollen Sie anzünden?«
»Ja, danke, sehr mett. Und hier Ihr Mahrschwein mit ermöhten Beförderummsentgelt.«
»Danke. Die braucht aber lange für unser Bier.«
»Wer?«
»Die Kellnerin.«
»Ach so, ja. Ich gehe mal mucken, mo Gerda bleibt.«
»Vergessen Sie den Aschenbecher nicht.«

Der Schaffner tänzelt nach hinten. Unser Fahrgast dreht sich um und fragt einen Jüngling: »Kann ich einen Schluck von Ihrem Bier haben? Es handelt sich um einen Notfall. Die Kellnerin ist spurlos verschwunden.«

Der Zug bleibt an einem Nothalt stehen. Zwei Polizisten betreten den Zug und steigen kurz darauf mit einem fröhlichen Schaffner wieder aus. Der Fahrgast winkt ihm durch die Fensterscheibe zu, der Schaffner winkt mit gebundenen Händen zurück. Dann fährt der Zug wieder los.

Der Fahrgast wartet weiter auf sein Bier, irgendwann wird ihm langweilig. Er setzt die Schaffnermütze auf, verlässt den Speisewagen und ruft: »Hier noch jemand zugestiegen … ?«

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