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Aus: Ausgabe vom 16.01.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Bewegendes Wiedersehen

Zu jW vom 20.12.: »›Danach sind die Deutschen meist still und sagen nichts‹«

1979 bat die Südwestafrikanische Volksorganisation (SWAPO) die SED, namibische Kinder zeitweilig in der DDR aufzunehmen. Am 18. Dezember 1979 kamen 80 Kinder im Alter zwischen drei und sieben Jahren mit 15 Begleiterinnen nach Bellin im Kreis Güstrow. Weitere folgten. Es waren fast ausschließlich Kinder aus Flüchtlingslagern in Angola, die dort den Kriegseinwirkungen ausgesetzt waren. Viele hatten bei der Bombardierung des Lagers Kassinga durch die südafrikanische Armee körperliche und psychische Schäden erlitten. Die Auswahl der Kinder und Begleiterinnen geschah durch die SWAPO. Am 1. September 1981 wurden die ersten 27 Kinder in der Polytechnischen Oberschule Zehna eingeschult. Die namibischen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen waren fest in das örtliche Leben integriert. Am 26. August 1990 erfolgte abrupt der Abbruch des Aufenthaltes der namibischen Kinder und Jugendlichen, sie kehrten nach Namibia zurück. Nunmehr 40 Jahre nach ihrer Ankunft in Bellin trafen sich auf Einladung des Freundeskreises Ex-DDR 80 einstige, inzwischen herangewachsene namibische Kinder und deren Nachkommen, damalige DDR-Lehrer, Erzieher, Kindergärtnerinnen und Betreuer des SWAPO-Kinderheimes Bellin zu einem bewegenden Treffen im Gutshotel Groß Breesen. Beim Empfang der namibischen Botschaft am 11. Januar 2020 war spürbar, dass die Beteiligten ein Stück Herzblut bei ihrer Tätigkeit in Bellin gelassen haben, sie hielten ihre Tränen nicht zurück. Die ehemaligen DDR-Bürger, die im SWAPO-Kinderheim tätig waren, behalten den Befreiungskampf des namibischen Volkes, die Arbeit mit den namibischen Kindern und Jugendlichen sowie die Zusammenarbeit mit den Vertretern der SWAPO in dankbarer Erinnerung.

Wilfried Schubert, Güstrow

Bedauerliche Fehler

Zu jW vom 10.1.: »Vorhersehbarer Verrat«

Ich finde es bedauerlich, dass so wichtige Themenseiten redaktionell so sorglos zur Veröffentlichung freigegeben werden. (…) Eklatante Falschdarstellungen wären auch für die Redaktion noch erkennbar gewesen: Schon im zweiten Absatz ist der Einstieg zur Rolle von Gregor Gysi leider Blödsinn. Dort heißt es: »Im Oktober 1989 setzte eine Gruppe von ›Reformern‹ mit ihm an der Spitze das Politbüro des ZK der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) ab, und Gysi übernahm die Parteiführung. Viele Genossen sahen das als einen Putsch gegen die auf dem letzten Parteitag gewählte Führung an.« In der zweiten Oktoberhälfte 1989 wurde, vom SED-Politbüro vorbereitet (…), Erich Honecker durch das ZK der SED abgelöst (…). Gregor Gysi übernahm erst Anfang Dezember »das Ruder« in der SED. (…) Es ist zweifellos angesichts der historischen Bedeutung all der Fehler, die vor 30 Jahren zum Untergang der DDR führten, wichtig, die Geschehnisse von verschiedenen, zwangsläufig persönlichen Blickwinkeln aus zu dokumentieren und zu analysieren. Dafür großen Dank. Aber es ist ebenso notwendig, zwischen subjektiven Sichtweisen, eventuellen Kränkungen oder Animositäten zwischen damaligen Akteuren und den objektiv belegbaren zeitgeschichtlichen Fakten so sorgfältig wie möglich zu trennen. Darin sehe ich auch eine Aufgabe der Redaktion der jW.

Marius van der Meer, Berlin

Nicht erst die AfD

Zu jW vom 11./12.1.: »›Sie werden für Sozialstaatsabbau Dampf machen‹«

Ulrich Schneider erwähnt in dem Interview, dass mit der AfD »seit Ende der Naziherrschaft erstmalig« eine Partei in deutschen Parlamenten vertreten sei, die »Ungleichwertigkeit von Menschen« zulasse. Das stimmt so nicht. Bereits im ersten Deutschen Bundestag unter der Regierung von Konrad Adenauer war die »Deutsche Partei« (DP) Teil der Koalition. Die DP verstand sich als nationalistische Stimme für ehemalige Wehrmachtssoldaten und monarchistische Ideen, die notabene eine »Ungleichwertigkeit von Menschen« propagierte. Nicht unterschlagen werden darf auch die NPD, die kurz nach ihrer Gründung in den meisten westdeutschen Bundesländern in die Parlamente einzog und nach der Konterrevolution 1989/1990 in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen in der Opposition war. Diese Partei vertritt ein offen faschistisches Programm.

Elisa Nowak, per E-Mail

Katastrophe absehbar

Zu jW vom 13.1.: »Iran bedauert Raketentreffer«

Nach dem Bekenntnis zum Abschuss eines ukrainischen Passagierflugzeugs wird vom Iran ein Kniefall vor der Weltgemeinschaft gefordert. Aber selbst dieses Schuldeingeständnis hat für Irritationen in der »Werteunion« gesorgt, weil sie selbst noch nie zu den von ihr begangenen Verbrechen gestanden hat. Auch ich will es mit der Verantwortung des Iran nicht bewenden lassen. Mir fällt spontan (…) ein Vergleich ein, den ich wegen der Schwere des Unglücks nur zaghaft vorbringe: Eine Fußballmannschaft, deren Verteidigung einem überlegenen gegnerischen Sturm ausgesetzt ist, begeht irgendwann (…) Fehler – es fallen Tore. Was ich sagen will: Die im Tagesrhythmus sich verschärfenden antiiranischen Kommentare, gespickt mit Kriegsdrohungen, und ein nicht endender Sanktionsterror mit dem Versuch, die Islamische Republik zu strangulieren, legen möglicherweise in Teheran die Nerven mehr und mehr blank und führen eventuell zu Reaktionen, die in normalen Zeiten undenkbar wären. Das ist furchtbar. Aber einen imperialistischen Fußabdruck erkenne ich auch hier. Nach der Ermordung des iranischen Generals Kassem Soleimani und der mit Ansage erfolgten Reaktion des Iran war dieser wiederum auf einen US-Gegenschlag eingestellt. Das Passagierflugzeug flog dicht an einer Militäreinrichtung (…) vorbei und wurde, weil es für einen Marschflugkörper gehalten wurde, abgeschossen. Für den iranischen Außenminister ist der Abschuss Folge eines »menschlichen Fehlers in Krisenzeiten, verursacht durch die US-Abenteuerpolitik«. Dieser Einschätzung schließe ich mich an. Ich gehe sogar noch weiter: Werden in Zeiten ständiger Bedrohungen und Spannungen Katastrophen dieser Art nicht nur einkalkuliert, sondern sogar absichtlich herbeigeführt?

Hans Schoenefeldt, per E-Mail

Die antiiranischen Kriegsdrohungen und ein nicht endender Sanktionsterror legen möglicherweise in Teheran die Nerven blank und führen zu Reaktionen, die normal undenkbar wären. Das ist furchtbar.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • E. Rasmus: Von langer Hand Marius van der Meer hat formal recht, was die offizielle Chronologie betrifft. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass Gysi ein Initiator der für mich entwürdigenden Demonstration vom 4. November...
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