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Aus: Ausgabe vom 16.01.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Profiling im Netz

Geschäftsfeld Manipulation

Cambridge Analytica und Co.: Beeinflussung ist von kommerziellem, politischem und wirtschaftlichem Interesse
Von Christian Bunke
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Ermittler in den Büros von Cambridge Analytica in London während einer Razzia im März 2018

Der Twitter-Account von Brittany Kaiser heißt »Hindsight is 2020«. Sie ist die ehemalige Business-Development-Direktorin des 2018 kollabierten Unternehmens »Cambridge Analytica«. Der Begriff »Hindsight« bedeutet soviel wie »Rückblick«. Und tatsächlich gibt Kaiser seit Jahresbeginn eine ganze Reihe von Rückblicken zum besten, etwa darüber, wie Cambridge Analytica und deren Mutterkonzern, die SCL Group, über Jahre hinweg die Daten Hunderttausender Facebook-Konten verwendete, um in verschiedensten Ländern im Auftrag unterschiedlicher Geldgeber Stimmung gegen Regierungen, Parteien und Individuen zu verbreiten. Die davon betroffenen Facebook-Nutzer haben für eine derartige Verwendung ihrer Daten nie eine Einwilligung gegeben.

Cambridge Analytica wurde der Öffentlichkeit im Jahr 2015 bekannt, der Mutterkonzern »SCL« existierte da bereits seit 1993. Das Unternehmen gehört zur sogenannten Beeinflussungsindustrie. Dabei geht es um den Kauf und Verkauf von Informationen, um damit Verhaltensveränderungen bei Individuen und Menschengruppen zu erzeugen. »Soziale Medien« wie Facebook oder Google haben dieser Branche im Vergleich zum analogen Zeitalter völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Hat man einmal Zugriff auf die gigantischen Datensätze der großen Internetkonzerne, lässt sich damit einiges zaubern.

Diese Beeinflussung ist sowohl von kommerziellem als auch politischem und wirtschaftlichem Interesse. Letztendlich ist jede Form von Werbung ein Versuch der Lenkung des Verhaltens. In der Werbewirtschaft kennt man die Formulierungen »above the line« (über der Linie) und »below the line« (unter der Linie). Ersterer Begriff beschreibt offen als solche erkennbare Werbung, mit »below the line« werden hingegen verdeckte, suggestivere Formen der Meinungsmache bezeichnet. Dass diese Formen der Manipulation für Unternehmer und Militärs interessant sind, zeigt sich auch an den Eigentumsverhältnissen von Cambridge Analytica. So gehört zu den Investoren in das Unternehmen Erik Prince, der Gründer und CEO des US-amerikanischen Söldnerkonzerns Blackwater. Weitere führende Köpfe waren der rechtskonservative US-amerikanische Milliardär Robert Mercer sowie Stephen Bannon, ehemaliger Weggefährte des US-Präsidenten, Förderer internationaler extrem rechter Bewegungen und ehemaliger Chefberater Trumps. Die rechtskonservative Ausrichtung der Führungsspitze des Unternehmens wirkte sich auf dessen Kampagnen aus. »Cambridge Analytica« unterstützte den Wahlkampf des derzeitigen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, organisierte antiiranische Kampagnen, um den Atomdeal zwischen dem Iran, den USA und der EU zu kippen, war im Brexit-Referendum in Großbritannien aktiv und leistete nicht zuletzt seinen Beitrag, um Donald Trump zur Präsidentschaft zu verhelfen.

In einer 2017 vom britischen Fernsehsender Channel 4 ausgestrahlten Fernsehdokumentation brüstete sich der damalige Managing Director von Cambridge Analytica und SCL, Mark Turnbull, damit, wie sein Unternehmen erfolgreich die Wahlen in Kenia manipuliert habe. Zu den »Leistungen« von Cambridge Analytica gehören außerdem Desinformationskampagnen zur Eindämmung von Studentenunruhen in Indonesien sowie Berateraktivitäten für die diktatorische Monarchie Saudi-Arabiens.

Die vom Unternehmen angewandte Methode heißt »Psychographic Profiling«. Damit werden die Datensätze großer Internetkonzerne ausgewertet, um herauszufinden, welche Personengruppen für welche Formen von Propaganda oder Falschinformationen besonders empfänglich ist. Sehr bewusst werden dabei auch Ängste oder auch psychische Erkrankungen der Betroffenen benutzt, mit deren Hilfe Strategien für die gewünschte Verhaltensänderung entwickelt werden. Im Wahlkampf für Donald Trump wurden beispielsweise fünf verschiedene Onlinewerbekonzepte aufgesetzt. »Extrovertierte« Personen wurden mit anderem Material zugeschüttet als »neurotische« Menschen.

Turnbull hat sein Handwerk beim britischen Auslandsgeheimdienst MI 6 gelernt, wo er bis 1993 in der Abteilung für psychologische Kriegführung arbeitete. Danach machte er sich selbständig und war an der Gründung von SCL beteiligt. SCL und Cambridge Analytica existieren aufgrund der Enthüllungen der vergangenen Jahre inzwischen nicht mehr. Es haben sich aber Nachfolgestrukturen entwickelt. So rief Turnbull 2018 das Unternehmen »Auspex International« ins Leben. Dessen Spezialisierung ist – wie könnte es anders sein – die quantitative Verhaltenspsychologie. In einem Gastbeitrag für die britische Website Independent vom 23. Mai 2019 schrieb Turnbull: »Heute können wir Informationen in einem Ausmaß sammeln und analysieren, wie es früher undenkbar erschienen wäre.« Schöne neue Welt.

Hintergrund: Handel mit Daten und deren Nutzung

Am 16. März 2018 wurden die Profile von Cambridge Analytica und der SCL-Gruppe von Facebook gesperrt. Der Konzern versuchte damit, Schadensbegrenzung zu betreiben, und vertritt bis heute offiziell die Auffassung, dass Cambridge Analytica die Datensätze rechtswidrig und ohne Wissen des Facebook-Konzerns erworben habe.

Skeptisch sieht das die Whistleblowerin Brittany Kaiser. Sie fordert von Facebook die Einhaltung der Rechenschaftspflicht und hat eine entsprechende Onlinepetition gestartet. Darin schreibt sie, dass Facebook und andere Großkonzerne »Milliarden durch uns und unsere Daten« verdienen. »Sie sammeln Informationen darüber, wer wir sind, unsere Freundschaften und wie wir die Welt sehen.« Das Ergebnis: »Sie benutzen unsere eigenen Daten, um sie zu verkaufen – das reicht von Medikamentenwerbung bis zu politischen Kampagnen. Erst jetzt realisieren wir die schlechten Neuigkeiten: Wir sind das Produkt, welches verkauft wird. Unsere Daten wurden ohne unser Einverständnis exponiert.«

Die großen US-Techkonzerne im Silicon Valley seien das Problem: »Sie verfolgen jede unserer Bewegungen und machen uns zu einem einfachen Ziel.« Es sei an der Zeit, sich die eigenen Daten zurückzuholen. »Wir sollten selber entscheiden dürfen, wie unsere Daten verwendet werden und wie nicht. Wir sollten unsere Daten mitnehmen können, wenn wir eine Plattform verlassen und für die Wertschöpfung aus unseren Daten bezahlt werden.«

Kaiser fordert »Dezentralisierung und Rechenschaftspflicht«. Facebook müsse die Nutzungsbedingungen dahingehend ändern, dass »diese fundamentalen und einfachen Daten- und Eigentumsrechte sofort gewährleistet werden«. Facebook sei in der Krise. »Deren Aktienwert ist bereits um fast 100 Milliarden US-Dollar gefallen. Lasst uns den Druck erhöhen und dafür sorgen, dass es passiert, während das Momentum andauert.« (cb)

kurzlink.de/FB_ Petition

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