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Aus: Ausgabe vom 15.01.2020, Seite 15 / Antifa
Neonazis im World Wide Web

Wider die These vom einsamen Wolf

Antifaschistisches Infoblatt mit Schwerpunkt zum »netzbasierten Rechtsterrorismus«
Von Marc Bebenroth
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Expräsidentenberater Steve Bannon wollte nach dem »Gamergate«-Skandal jenen Mob in die »Alt-Right«-Szene überführen

Das Antifaschistische Infoblatt widmet sich in seiner 125. Ausgabe schwerpunktmäßig dem, was im Titel reißerisch »Darknet des Faschismus« genannt wird. Zuvor hatte bereits das voherige Heft unter anderem über extrem rechte Gruppierungen im Internet aufgeklärt. Alle Beiträge zum Titelthema setzen grundlegende Kenntnisse über »Social Media«-Plattformen voraus, weshalb sich als Einstieg die Lektüre der 124. Ausgabe und anderer Literatur empfiehlt.

Miro Dittrich und Jan Rathje gehen ausführlich auf die hinter den Attentaten von Halle, Christchurch und anderen Anschlägen stehenden Netzwerke ein. Sie führen deren Ursprünge zunächst zurück auf »Onlinesphären der ›Manosphere‹ (hervorgegangen aus Zusammenschlüssen von »Männerrechtlern«, jW) frustrierter (junger) Männer, männlicher Incels (sich selbst als »unfreiwillig keusch lebend« betrachtende Männergruppen, jW) und der Gamergate- und Imageboard-Trolle«. Dabei erläutern Dittrich und Jan auf insgesamt sechs Seiten die Entwicklungen sowie Überschneidungen verschiedener Szenen.

Dittrich und Rathje arbeiten unter anderem die Verbindungen zwischen dem von aggressiver Frauenfeindlichkeit dominierten Teil der Gaming­szene und der sogenannten Alt-Right, wie sich angelsächsische Neonazi-Gruppen euphemistisch nennen, heraus. So war beispielsweise der einer breiten Öffentlichkeit kaum bekannte »Gamergate«-Skandal, bei dem beginnend im August 2014 ein frauenfeindlicher Mob kritische Journalistinnen terrorisierte – für den ehemaligen US-Präsidentenberater Steve Bannon eine willkommene Gelegenheit, jenen Mob in die »Alt-Right«-Szene zu überführen und weiter zu radikalisieren.

Ein weiterer Aspekt der Neonazi-Gruppen im Netz wird von Lisa Bogerts und Maik Fielitz sowie Veronika Kracher näher beleuchtet. Sie widmen sich der »visuellen Kultur des (neuen) Rechtsterrorismus«. Neben dem »Modus Operandi« jüngster Terroranschläge – »ein rassistisches Schriftstück auf einem Imageboad posten (Forum für anonyme Beiträge, die nach einiger Zeit automatisch gelöscht werden, jW)«, »eine Zielgruppe mit Waffengewalt angreifen« sowie die Tat live im Internet und »zur Imitation aufrufen« – habe sich in jenen Onlineräumen eine »eklektisch, spielerisch und popkulturell aufgeladene« Kultur etabliert, die sich »stark von der klassischen rechtsextremen Bildsprache und -nutzung« abhebe. So vermischt der sogenannte Fashwave-Stil alte Darstellungen zum Beispiel von Wehrmachtssoldaten mit Symbolen aus der Pop-, Gamer- und Jugendkultur. Den Versuch, faschistische Ästhetik zu popularisieren, sehen Bogerts und Fielitz als Teil einer rechten »Metapolitik«.

Kracher schildert den Heldenkult um Attentäter wie den von Christchurch, der von der »Community« für seinen Massenmord zum Heiligen erhoben wurde. Roland Sieber macht schließlich deutlich, wie Behörden nach wie vor der These des »Einsamen Wolfes« anhängen, obwohl unter anderem auf Gaming-Plattformen wie »Steam« offen faschistische Gruppen unverholen ihre Ideologie zur Schau stellen.

Antifaschistisches Infoblatt, Nr. 125: Das Darknet des Faschismus. Radikalisierung in Chats, Boards, Foren und Portalen. 66 Seiten, 3,50 Euro, Bezug: antifainfoblatt.de. Das Heft ist auch über den jW-Shop erhältlich, Telefon: 030/53 63 55 37

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