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Aus: Ausgabe vom 15.01.2020, Seite 8 / Feuilleton
Ökologische Krise

»Angesichts der starken Agrarlobby sehe ich schwarz«

Insektensterben bedroht Ökosysteme. In BRD fehlt es an Taten, in der EU dominieren die Konzerninteressen. Ein Gespräch mit Teja Tscharntke
Interview: Oliver Rast
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Gift für Insekten: Ein Landwirt fährt mit einer Pestizid- und Düngerspritze über ein Feld

Es summt, brummt und krabbelt zuwenig in der Flora, besagen Studien zum Insektensterben. Sind diese Tiere denn alle ausnahmslos gut für das Ökosystem?

Insekten sind die artenreichste Tiergruppe und stellen 70 Prozent aller Arten – damit sind sie zentraler Teil aller Ökosysteme. Wahrscheinlich wurden die meisten Insektenarten noch gar nicht entdeckt und haben noch nicht einmal einen Namen. Nur bei wenigen der Arten ist bekannt, wie sie das Funktionieren von Ökosystemen steuern. Beispielsweise bei den bestäubenden Wildbienen, den Aas zersetzenden Fliegen und Käfern oder den Schädlinge kontrollierenden, parasitischen Wespen.

Sie waren an einer jüngst erschienenen Studie zum Insektensterben von Wissenschaftlern aus 21 Ländern beteiligt. Welche neuen Befunde konnten Sie liefern?

Zunächst ging es uns um einen konkreten Fahrplan, welche Schritte sofort eingeleitet werden müssen, um den dramatischen Rückgang der Artenvielfalt aufzuhalten. Des weiteren darum, Prioritäten für die Forschung vorzuschlagen, da es besonders an Langzeitstudien und an einem regionalen Monitoring fehlt.

Lassen sich Verursacher des Insektensterbens gesichert benennen?

Die Landwirtschaft beeinflusst 40 Prozent der Landoberfläche und hat naturgemäß einen großen Einfluss auf die Lebensgemeinschaften. Die konventionelle Intensivierung der Produktion war in den vergangenen Jahrzehnten nachweislich die wichtigste Ursache für den großflächigen Artenverlust. Dazu zählt in erster Linie die Monotonisierung der Produktion mit wenigen Kulturarten auf großen Flächen. Wenn in unseren Landschaften die Hecken, Brachen, Gehölze, Kleingewässer, das magere Grünland und die Randstreifen fehlen, braucht man sich über die logische Folge, das Aussterben der meisten Arten, nicht zu wundern. Dazu kommen die Überdüngung und der Einsatz von Pestiziden.

Sie und Ihre Forscherkollegen fordern sofort Schutzkonzepte für bedrohte Arten, aber auch Ag rar- und Naturschutzprogramme. Welche sind das konkret?

Zu den Sofortmaßnahmen gehören neue Anreize für Landwirte zur Diversifizierung der Produktion mit längeren Fruchtfolgen, Mischkulturen und kleineren Feldern. Aber auch die Auflage, einen Teil des landwirtschaftlichen Betriebs, etwa zehn Prozent, für ökologisch wertvolle Flächen herzurichten. Weiterhin muss die Verschmutzung von Luft, Wasser und Boden durch Stickstoff und Pestizide eingedämmt werden. Die zunehmende Lichtverschmutzung ist fatal für nachtaktive Insekten, hier müssen Maßnahmen getroffen werden.

Politisch wichtig wäre ein Importverbot landwirtschaftlicher Produkte, die unseren ökologischen oder sozialen Mindeststandards nicht entsprechen. Können und wollen wir es uns leisten, Soja als Tierfutter einzuführen, das durch Regenwaldzerstörung gewonnen wurde? Oder Baumwolltextilien zu importieren, die mit Hungerlöhnen in der Landwirtschaft wie in der verarbeitenden Industrie produziert wurden?

Nur: Wer unterstützt diese Forderungen?

In der Politik muss das Thema des dramatischen Artenrückgangs eine höhere Priorität bekommen. Es wäre der reine Vandalismus, dieser Entwicklung tatenlos zuzusehen und als kulturelles Erbe nur Denkmäler wie den Kölner Dom zu schützen. Das »Aktionsprogramm Insektenschutz« der Bundesregierung stellt die richtigen Weichen und ist international einzigartig. Allerdings bleibt in dem Programm vieles sehr vage.

Grund dafür dürfte auch die neue »Gemeinsame Agrarpolitik«, kurz GAP, der EU ab 2021 sein. Angesichts der starken Agrarlobby sehe ich schwarz und die Tendenz, die Subventionierung der Landwirte weiterhin an der Betriebsgröße festzumachen – mit pauschalen Zahlungen pro Hektar, die am Ende rund die Hälfte des Einkommens eines Landwirts ausmachen.

Was wäre jetzt wichtig?

Die Bildung und Aufklärung zum Biodiversitätsschutz zu forcieren und die sozialen Bewegungen zu unterstützen, die sich dafür einsetzen.

Teja Tscharntke ist Leiter der Abteilung Agrarökologie an der Georg-August-Universität Göttingen

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