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Der größte »Bumms«

Von Gabriele Damtew
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Die Welt hat größere Probleme als einen Bauch. Vielleicht sollte man sich mal um sie kümmern ...

Die fußballfreie Zeit ist eine Herausforderung. Als bettlägerige Kolumnistin gibt man einfach mal »Loser« in die NSA-sichere Suchmaschine ein. Als erstes taucht die Begriffserklärung auf: Verlierer oder Versager. Dann erscheint gleich der gleichnamige nicht gerade erfolglose Song von Beck. Einen Eintrag später folgt unter der Rubrik »beliebte Fehler« die nicht nur von Deutschen gern falsch geschriebene Version mit zwei o. Daran anschließend: »The Biggest Loser«. Klingt vielversprechend. Aber weder ist von einem thüringischen Fußballverein noch von der SPD die Rede. Es handelt sich um eine »Abnehmserie« des Privatsenders Sat.1 in ihrer immerhin schon elfte Staffel. (Ich muss in einer Parallelwelt leben!) In zehn Wochen sollen 18 Kandidaten nach dem Ausscheidungsprinzip im Bootcamp unter griechischer Sonne und mit Hilfe zweier Trainer so viele Kilos wie möglich verlieren und »neue Menschen« werden. Lagerleiterin – pardon, Campchefin – ist die Exweltmeisterin im Kickboxen Christine Theiss.

Der andauernde Zuschauererfolg mag daran liegen, dass laut Statistischem Bundesamt jeder zweite Erwachsene in Deutschland übergewichtig bis adipös ist, die ostdeutschen Länder haben die Nase bzw. den Bauch vorn. Daher bietet die Sendung für die einen Potential zur Identifikation, für die anderen Voyeurismus pur. Entwürdigend ist das Wiegen der allesamt schwer Übergewichtigen in Shorts und mit freiem Oberkörper, den Damen ist zumindest der Sport-BH erlaubt. Bei den täglichen Trainingseinheiten müssen sie sich trotz ihres Gewichtes wie Hochleistungssportler »durchbeißen«, ohne Rücksicht auf den Druck, der auf ihren Gelenken lastet. Für diejenigen, die den Drill durchhalten, gibt es dann eine Umarmung.

Die meisten sind emotionale Hungerleider, denn als solche werden sie mit Bedacht ausgewählt. Mobbing, Rassismus, Unsichtbarkeit, Unsicherheit sind typische Phänomene, unter denen die sogenannten XXL-Helden jahrelang zu leiden hatten. Das anzusprechen und dahingehend Aufklärung zu betreiben, wäre ein gutes Anliegen. Doch die Macher dieses Trash-TV-Formats geben nur vor, sich für das Wohl der Kandidaten einzusetzen.

Es geht vor allem darum, die Teilnehmer durch perverse »Challenges« zu quälen. Um überhaupt ins Team zu kommen, müssen die Kandidaten ihr eigenes Gewicht an ausgestreckten Armen halten, als ginge es um Leben oder Tod (böse Assoziationen). Später beim Mit-dem-Schwamm-Wasserschöpfen und Vom-Meer-bergauf-Rennen, einer reinen Sisyphusarbeit, fragt ein 199-Kilo-Mann zu Recht, welcher Sadist sich diesen »Bumms« ausgedacht habe. Beim Wiegen nach der ersten Woche hat der schwerste Teilnehmer, knapp über 200 Kilo, bereits über 21 verloren. Der »Rekord« wird gefeiert. Das meiste davon ist Wasser. Es ist eben nur eine Show. Ausgeschiedene verschwinden vom Tableau, und am Ende wird der »Biggest Loser« gekürt. Über den Jo-Jo-Effekt, der die Pfunde genauso schnell wieder wiederkehren lässt, wie sie vorher purzelten, spricht niemand.

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