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Aus: Ausgabe vom 14.01.2020, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Dein Spiegel hat Angst vor dir

Mit respektheischendem Recherchematerial: Ein Ziegelblock von Buch umstellt den Popmythos Nico
Von Ulrich Kriest
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»Wenn ich an Deutschland denke, fühle ich mich sehr schlecht«

Nico in einem Interview 1978: »Wenn ich an Deutschland denke, fühle ich mich sehr schlecht. (…) Der einzige Grund, dass ich mich nicht auf der Stelle umbringe, ist tatsächlich der, dass ich einzigartig bin.« Zehn Jahre hatte Nico aka Christa Päffgen (1938–1988) da noch zu leben, bis sie schließlich auf Ibiza vom Rad fiel und an einem Aneurysma im Gehirn starb.

1978 war Nico, die »Priesterin der Dunkelheit«, bereits eine mysteriöse Erinnerung, um die sich Legenden rankten. Da waren die drei Songs, die sie als »Chanteuse« (Plattencover) auf dem Debütalbum von The Velvet Underground gesungen hatte: »Femme Fatale«, »All Tomorrow’s Parties« und »I’ll be your Mirror«. Da waren ihre seinerzeit schwierig oder kaum zu bekommenden Soloalben wie »Chelsea Girl«, »The Marble Index«, »Desert­shore« und schließlich »The End«. Letzteres, so las man seinerzeit fröstelnd und neugierig, hatte die Plattenfirma Island Records mit dem Slogan beworben: »Warum Selbstmord begehen, wenn Sie dieses Album kaufen können?«

Das klang 1978 ziemlich cool und interessant. Jedenfalls viel interessanter als alles, was nach 1978 noch von Nico musikalisch so kommen sollte, obwohl sie in den 80ern viel tourte. Dazu gesellte sich eine Vielzahl von Anekdoten, die in Artikeln zu Nico gerne wieder und wieder kolportiert wurden. Wie sie, das Exfotomodell, über den Umweg Fellini (»La dolce vita«) mit einem Song im Gepäck, den Bob Dylan ihr persönlich überlassen hatte, bei Andy Warhol in der »Factory« auftauchte und zu seiner Muse wurde. Wie sie mit dem Rolling Stone Brian Jones das Festival »Monterey Pop« besuchte, dass Jim Morrison von The Doors ihr Mut machte, eigene Songs zu schreiben. Dass Sohn Ari, den Vater Alain Delon nicht anerkannte, der aber bei Delons Mutter aufwuchs, vielleicht von der Mutter angefixt wurde. Oder wie Nico in den 70ern nach Frankreich ging, um mit dem Regisseur Philippe Garrel Undergroundfilme zu drehen, die es seinerzeit nicht in deutsche Kinos schafften, auf die man aber in der Filmkritik von Harun Farocki aufmerksam gemacht wurde.

Längst vorbei sind die Zeiten, als man noch durch einen Mangel in der Popkultur Aufmerksamkeit generieren konnte. Statt darüber nostalgisch zu klagen, haben Manfred Rothenberger (Institut für moderne Kunst Nürnberg) und Thomas Weber (auch: die Gruppe Kammerflimmer Kollektief) die Tatsache der forcierten Verfügbarkeit von Dingen ins Positive gewendet und ein derart umfangreiches Konvolut in Sachen »Nico« kompiliert, dass man aus dem Staunen gar nicht herauskommt. In »Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist« finden sich nicht nur längst kanonische oder zumindest bekannte Texte zu Nico von Lester Bangs oder Julian Cope aus Sounds und Spex, sondern auch Aktuelleres, Entlegenes, Gespräche, Konzertberichte, Assoziationen. Dazu haben die beiden Herausgeber ihrerseits Interviews mit bekannten und weniger bekannten Zeitzeuginnen und Wegbegleitern wie Gerard Malanga, Christiane Schleindl, James Young, Susanne Ofterdinger, Wolfgang Müller oder Ulrich Wolff geführt.

Die Recherche führt von Lübbenau (Spreewald), wo Nico mit ihrer Mutter die letzten Kriegsjahre verbrachte, bis zum Friedhof Grunewald-Forst, wo sich Nicos Grab befindet. In dem Band kann man endlich einmal sehen, was es wohl bedeutet haben mag, wenn davon die Rede ist, dass Christa Päffgen ab den frühen 50er Jahren als Fotomodell arbeitete. Und man kann auch sehen, wie sich das Fotomodell über die Jahre in die Priesterin der Dunkelheit verwandelte. Ein Junkie mit großem Kopf, vorstehenden Wangenknochen in gerade nicht körperbetonter Kleidung – eine krude Mischung aus Alien und Vampir. Nicht zuletzt haben die Herausgeber zahlreiche Künstlerinnen und Künstler wie Sebastian Tröger, Michaela Meliàn, Michaela Meise, Jutta Koether, Olaf Nicolai, Heike Aumüller oder Jonathan Meese eingeladen, sich ihrerseits mit Nico, der Person und dem Mythos, auseinanderzusetzen, was dem Buch zusätzlich inspirierte Reibungsflächen verschafft.

Man kann sich durch dieses Material wühlen wie ein »Mole in the Ground« und läuft doch dauernd gegen eine Wand, weil sämtliche Spuren nur Ränder eines Terrains markieren, dessen Zentrum – wie zuletzt in Susanna Nicchiarellis Spielfilm »Nico, 1988« geschehen – bestenfalls für Spekulationen taugt. Die Herausgeber halten sich raus, registrieren zwar die Spannungen zwischen den musikalischen »Meisterwerken eines forcierten Lebensüberdrusses« (Diedrich Diederichsen) und der auf eine unerhörte innere Unabhängigkeit hindeutende »radikale(n) Emanzipationsgeschichte« einer Frau, die nicht mehr »Model oder Muse« sein wollte oder konnte, bieten aber selbst nur dieses Material an, mit dem jeder selbst klarkommen muss. Und dokumentieren statt dessen die »Arbeit am Mythos« (Hans Blumenberg) mit dem immer wieder Neuerzählen der Geschichte, in Rekapitulationen, Repetitionen, Variationen und Widersprüchen. Auch, weil Nicos Geschichte jeder Generation von Hörern »neu« erzählt werden musste und muss. Schon 1978.

Zum Glück gibt es jetzt immerhin den Soundtrack dazu wohlfeil auf allerlei Kanälen, um den Spuren zu folgen und sie wirken zu lassen. In einem der spannendsten Texte des Buches erkennt der Kulturwissenschaftler Frank Ketteler stupende Ähnlichkeiten in den Biographien von Nico, Romy Schneider und Ulrike Meinhof, in deren früh endenden Versuchen, dem »furchtbaren Nibelungenland der 1970er-Jahre-BRD« (Ketteler) zu entkommen. Und keiner bringt das unerhörte Faszinosum »Nico« besser auf den Punkt als der Theatermann Werner Fritsch, wenn er schreibt: »Man stelle sich vor: Claudia Schiffer pfiffe auf ihr Äußeres und mutierte nach einem Dreh mit Jean-Luc Godard, einer Liaison – sagen wir mit Peter Handke – zur Bachmann des 21. Jahrhunderts …« Genau darin könnte die Tragik Nicos liegen: Der zweite, unabhängige Part der Biografie ist ohne die Fallhöhe des ersten Teils wohl nicht zu haben gewesen.

Nico. Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist. Hg. von Manfred Rothenberger und Thomas Weber in Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg. Starfruit Publica­tions, Fürth 2019, 624 Seiten, 35 Euro

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