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Aus: Ausgabe vom 14.01.2020, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Arbeitskampf für Tarifvertrag

»Ein hohes Maß an Zusammenhalt und Solidarität«

Arbeitskampf bei Brauerei Gilde: Beschäftigte fordern Tarifvertrag. Unternehmerseite reagiert mit Tricks. Ein Gespräch mit Lena Melcher
Interview: Steve Hollasky
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Viele der Beschäftigten der Gilde-Brauerei sehen angesichts der Haltung der Unternehmerseite rot (2015, Hannover)

Seit mehreren Monaten kämpfen die Beschäftigten der Hannoveraner Traditionsbrauerei Gilde um einen Tarifvertrag (jW berichtete). Was genau versucht die NGG zu erreichen?

Wir wollen Tarifverträge bei der Gilde-Brauerei vereinbaren, um die Arbeitsbedingungen aller Beschäftigen fair, transparent und verlässlich zu regeln. Denn durch den Verkauf der Brauerei an die TCB Beteiligungsgesellschaft zum 1. Januar 2016 haben nur diejenigen, deren Beschäftigungsbeginn vor dem Jahr 2016 liegt, Anspruch auf Entlohnung nach den vormals gültigen Tarifverträgen. Das führt bei gleicher Tätigkeit zu Einkommensunterschieden von durchschnittlich 15.000 Euro brutto pro Jahr zwischen den »Alt-« und den »Neubeschäftigten«. Diese Ungerechtigkeit wollen wir mit Tarifverträgen beseitigen.

Hat die Spaltung der Belegschaft entlang verschiedener Entgeltniveaus Auswirkungen auf die Bereitschaft, sich am Arbeitskampf zu beteiligen?

Die Belegschaft der Gilde zeichnet sich durch ein hohes Maß an Zusammenhalt und Solidarität aus. Alle eint das Interesse an Tarifverträgen. Denn auch die Beschäftigten mit den vergleichsweise höheren Entgelten wollen wieder zu dem gewohnten Zustand regelmäßiger Tarifverhandlungen zurück. Nach mittlerweile vier Jahren Tariflosigkeit bekommen sie den fehlenden Inflationsausgleich zunehmend zu spüren. Ganz zu schweigen von einer Beteiligung an der positiven Absatz- und Produktionsentwicklung des Betriebs, die seither ausbleibt. Allen Beschäftigten bei der Gilde ist klar, dass es den aktiven Einsatz aller braucht, um eine Tarifbindung herzustellen.

Quasi über Nacht hat die Unternehmensleitung die Brauerei in vier verschiedene Unternehmen aufgespalten. Welche Folgen hat das für die tarifliche Auseinandersetzung und die Beschäftigten?

Formal gesehen befanden wir uns bis zu dem Spaltungszeitpunkt nur mit der Gilde-Brauerei GmbH in einer Tarifauseinandersetzung. Wir haben schnell reagiert und die drei neuen Firmen umgehend zu Verhandlungen aufgefordert. Da auch sie nicht bereit sind, sich mit uns an den Verhandlungstisch zu setzen, erstreckt sich der Tarifkonflikt mittlerweile auf alle vier Firmen.

Für die Beschäftigten hat die Spaltung wesentlich weiter reichende Folgen, die sich nicht so einfach regeln lassen. Nach dem ersten Schock bleiben Trauer, Wut und Verunsicherung zurück. Denn es ist fraglich, wie durch eine Vierteilung der Brauerei die Effizienz gesteigert und die Produktions-, Absatz- und Umsatzsituation verbessert werden soll. Es besteht die Sorge, dass womöglich Kosten zum Nachteil der Beschäftigten gespart werden sollen. Außerdem steht die bisherige Struktur des Betriebsrats auf dem Spiel. Wir setzen uns daher mittlerweile auch für einen Tarifvertrag zur Sicherung der bisherigen Betriebsratsstruktur ein, damit die Interessen der Beschäftigten auch in einer gespaltenen Gilde bestmöglich vertreten werden können.

In der Bild erklärte Unternehmenschef Karsten Uhlmann im Dezember, der Schritt der Unternehmensaufspaltung sei »notwendig, um die Zukunft zu sichern«, und die Beschäftigten würden »weiterhin das gleiche Geld« bekommen. Das klingt, als wäre bei der Gilde alles in bester Ordnung …

Zutreffend ist, dass die Geschäftsführung bislang keine Änderungskündigungen ausgesprochen hat, um bestehende Ansprüche zu verschlechtern. Doch ich würde keinesfalls zustimmen, dass alles in bester Ordnung ist. Mit der Verweigerungshaltung ignoriert die Arbeitgeberseite die berechtigten Interessen ihrer Beschäftigten. Sie enthalten ihnen etwas Wesentliches vor: Tarifverhandlungen mit uns als grundgesetzlich beauftragte und von unserer Mitgliedschaft legitimierte Interessenvertretung. Demokratie darf nicht vor dem Werkstor Halt machen!

Der Tarifkonflikt bei der Gilde-Brauerei genießt angesichts seiner Verschärfung mittlerweile bundesweite Aufmerksamkeit. Aus unserer Sicht bleibt nur eine Möglichkeit, um die Auseinandersetzung zu befrieden: der sofortige Eintritt der Arbeitgeber in Tarifverhandlungen mit uns.

Lena Melcher ist Geschäftsführerin der NGG-Region Hannover und zuständig für die Brauerei Gilde

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