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Aus: Ausgabe vom 13.01.2020, Seite 10 / Feuilleton
Reden ist Silber

#Omagate

Von Gerhard Henschel
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Glücklich das Land, das keine andere Sorgen hat als »#Omagate«. Da hat also ein Kinderchor des WDR nach der Melodie von »Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad« ein Lied über eine Großmutter gesungen, die im Altersheim ein Motorrad als Rollstuhl nutzt, mit dem SUV Opis überfährt, jeden Tage ein Kotelett isst und zehnmal jährlich eine Kreuzfahrt unternimmt, und der Refrain lautet: »Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau.« Kritiker erklärten, dass die Kinder »instrumentalisiert« worden seien, und zwar »in schlimmster Weise«, was man allerdings mit dem gleichen Recht oder Unrecht behaupten könnte, wenn Kinderchöre Kirchenlieder singen. Als Kinderschützer traten sogar Faschisten auf und demonstrierten in Köln vor dem Gebäude des WDR, obwohl man von ihnen weiß, dass sie es unter Umständen für geboten halten, Kinder im Volkssturm als Kanonenfutter zu verheizen. WDR-Mitarbeiter erhielten Morddrohungen, der WDR-Intendant Tom Buhrow bat öffentlich um Entschuldigung für das Lied, und auch Eugen Brysch, der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, nahm Stellung: Die Satire sei grundsätzlich durch die Meinungsfreiheit geschützt, doch es dürfe »die feine Grenze zur Diskriminierung nicht überschritten werden«.

Es kommt nur selten etwas Gutes dabei heraus, wenn Nichtsatiriker darzulegen versuchen, was die Satire dürfe und was nicht. Der Laie Eugen Brysch liegt jedenfalls falsch, wenn er glaubt, dass die Satire niemanden diskriminieren dürfe. Eine Satire, die niemanden diskriminiert, mag alles mögliche sein – ein Friedensgebet, ein Generationenvertrag, ein Batiktuch oder ein ätherisches Öl –, aber keine Satire. Diskriminierung ist das Wesen der Satire, und keiner einzigen Bevölkerungsgruppe steht Schutz davor zu. Man stelle sich vor, dass Carl von Ossietzky als Herausgeber der Weltbühne 1929 zu Kurt Tucholsky gesagt hätte: »Tja, wissen Sie, was Sie hier über die Führung der Reichswehr geschrieben haben, ist zwar eine sehr gelungene Satire, aber mir scheint, dass Sie in diesem Fall die feine Grenze zur Diskriminierung überschritten haben …«

Zweifellos würde Eugen Brysch auch daran Anstoß nehmen, was Walter Benjamin über die der Satire verwandte Kunstform der Polemik geschrieben hat: »Echte Polemik nimmt ein Buch sich so liebevoll vor, wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet.« Liegt hierzu bereits eine Protestnote des Vereins Sternenzauber & Frühchenwunder e. V. sowie der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin vor? Nein? Dann wird es aber höchste Zeit.

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