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Aus: Ausgabe vom 13.01.2020, Seite 5 / Inland
Altersvorsorge

Lebensabend im Elend

Neuste Zahlen belegen Ausbreitung der Altersarmut in Deutschland. Regierung steuert auf Verschärfung der Lage hin
Von Ralf Wurzbacher
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»Soziales Kaufhaus« in Dresden. Arme sind immer stärker auf freiwillige Hilfen angewiesen

Altersarmut in Deutschland hat Hochkonjunktur. Die Zahl der als gefährdet geltenden Menschen ist einem Fernsehbericht zufolge binnen sieben Jahren um 803.000 oder 33 Prozent auf 3,2 Millionen im Jahr 2017 hochgeschnellt. Ihr Anteil in der Gruppe der Rentner und Pensionäre belief sich vor zwei Jahren auf 18,7 Prozent, nach 14 Prozent im Jahr 2010. Dies geht aus noch unveröffentlichten Daten des Statistischen Bundesamts hervor, über die das ARD-Magazin »Monitor« in seiner Sendung am vergangenen Donnerstag berichtet hatte. Die Tendenz lässt erahnen, dass sich die Lage inzwischen weiter zugespitzt hat. Für die Jahre 2018 und 2019 liegen noch keine Informationen vor. Der Kovorsitzende der Partei Die Linke, Bernd Riexinger, äußerte sich alarmiert und sprach von einem »Beleg für die Untätigkeit und Unfähigkeit der großen Koalition«.

Von Armut bedroht sind nach offizieller Lesart Menschen, die mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens über die Runden kommen müssen. Die Wiesbadener Statistiker ziehen die Grenze für Alleinstehende aktuell bei 13.628 Euro pro Jahr. Für Familien mit zwei Kindern veranschlagen sie 28.618 Euro an Einkommen. Allein im Zeitraum 2016/17 ist der Kreis der Betroffenen laut »Monitor« um 215.000 angewachsen. Der fragliche TV-Beitrag war betitelt mit: »Einkalkuliertes Elend: Armut durch Rente«. Unter anderem kam darin eine Rentnerin aus München zu Wort, die jeden Montag bei einer gemeinnützigen Tafel im Stadtteil Ramersdorf einkaufen geht. Von den 1.100 Euro, die sie monatlich an Altersbezügen und zusätzlicher staatlicher Hilfe erhält, bleiben ihr täglich 8,30 Euro zum Leben – für Kleidung, Medikamente, Reparaturen und Lebensmittel. Und dies, obwohl sie ein Leben lang gearbeitet hat.

Die neuen Zahlen sind bedrückend, zugleich aber noch beschönigend. Viele Leidtragende lösen ihre Ansprüche auf Leistungen der Grundsicherung heutzutage gar nicht ein, sei es aus Scham oder Unwissenheit. Zudem werden in der offiziellen Statistik Rentner und Pensionäre in einen Topf geworfen. Gerd Bosbach, Mathematiker und Autor des Buches »Lügen mit Zahlen«, hat recherchiert, dass 2017 von allen in einem Rentnerhaushalt lebenden Menschen, fast jeder fünfte (19,5 Prozent) armutsgefährdet war. Bei einem Fortwirken der im gesetzlichen Rentensystem installierten Kürzungsfaktoren rechnet er auf längere Sicht gar mit einer Quote von 30 Prozent. Das wird nach Auffassung Bosbachs auch die beschlossene »Grundrente« nicht verhindern, weil diese nur einem sehr begrenzten Personenkreis zugute komme und zudem viel zu knapp bemessen sei.

So sieht dies auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. »Altersarmut wird in den nächsten zehn, 15 Jahren noch mal sehr, sehr deutlich zunehmen, weil wir immer mehr Menschen haben, die zu geringen Löhnen arbeiten oder in Teilzeit oder unterbrochene Erwerbsbiographien haben«, erklärte er gegenüber »Monitor«. Wirksame Abhilfe könnte nach Berechnungen seines Hauses ein Stundenlohn von zwölf Euro, allerdings unter der Bedingung einer Vollzeitbeschäftigung, leisten. Seit 1. Januar liegt der Satz jedoch noch weit entfernt bei 9,35 Euro.

Der Riexinger plädierte am Donnerstag in einer Medienmitteilung für eine Lohnuntergrenze von 13 Euro. Ferner brauche es eine »armutsfeste, solidarische Mindestrente von 1.050 Euro« und die Anhebung des allgemeinen Rentenniveaus auf 53 Prozent. »Die gesetzliche Rente muss den Lebensstandard im Alter wieder sichern und wirksam vor Armut schützen«, bekräftigte er. Zur Finanzierung müssten auch Beamte, Freiberufler, Selbständige und Politiker in die Rentenkasse einzahlen und die Beitragsbemessungsgrenze für Besser- und Spitzenverdiener abgeschafft werden. Dies hatte zuvor auch der SPD-Kovorsitzende Norbert Walter-Borjans in einem Interview mit der Rheinischen Post angemahnt.

Die politisch Verantwortlichen haben anderes im Sinn. Die von der Bundesregierung eingesetzte sogenannte Rentenkommission, deren Ergebnisse im März vorgelegt werden sollen, brütet seit Monaten im stillen Kämmerlein über einer »Reform« des Systems, die das klägliche Rentenniveau absehbar weiter absenken und das Renteneintrittsalter in Richtung 70 Jahre erhöhen wird (jW berichtete). Passend dazu beschloss die CSU-Landesgruppe in der Vorwoche auf ihrer Klausur im Kloster Seeon, ein »Starterkit für die Altersvorsorge« als vierte Säule der Alterssicherung etablieren zu wollen. Dabei soll der Staat für jedes neugeborene Kind bis zum 18. Lebensjahr 100 Euro monatlich in einen »Generationenpensionsfonds« einzahlen, der selbstredend am Kapitalmarkt agieren soll. Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes, warf den Urhebern daraufhin vor, »im Namen der nachwachsenden Generationen eine große Wette auf Zinsdifferenzen« als Altersvorsorge zu verkaufen.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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