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Aus: Ausgabe vom 13.01.2020, Seite 4 / Inland
Engels und die Wohnungsfrage

Lehrreiches Kneipenquiz

Zur Wohnungsfrage: Andrej Holm spricht in Berlin zur Aktualität von Friedrich Engels
Von Roland Zschächner
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Man muss kämpfen: Banner gegen den Verkauf von Mietwohnungen an den Konzern Deutsche Wohnen in der Berliner Karl-Marx-Allee (10.12.2018)

Wie bei einer Besichtigung für eine bezahlbare Wohnung konnten sich die Besucher einer kurzweiligen Veranstaltung am Freitag abend in Berlin-Kreuzberg fühlen. Dicht gedrängt standen viele, nur wenige saßen, und hörten zu, was der linke Stadtsoziologe Andrej Holm über die Schrift »Zur Wohnungsfrage« von Friedrich Engels zu sagen hatte. Über 200 Besucher wurden von den Veranstaltern eingelassen, rund 100 mussten wieder weggeschickt werden.

Eingeladen hatte der Verein »Helle Panke«, der der Linkspartei-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung angehört, um über die genannte Schrift des »ersten Marxisten« zu diskutieren. Diese sei »erschreckend aktuell«, sagte Holm. Er hatte zu Beginn der Veranstaltung einen Quizbogen ausgegeben; sieben Fragen standen darauf, wer sie alle beantwortet hätte, dem winkte ein Preis – leider blieb ein Gewinner aus.

Dafür erhielten die Zuhörer, geleitet durch den Fragebogen, eine gehaltvolle und gleichzeitig unterhaltsame Einführung in das Engelssche Werk, in dem der Verfasser den ökonomischen Zusammenhang von Mieten und Grundbesitz erläutert und gegen politische Gegner polemisiert.

Wenig überraschend ist das Wohnen im Kapitalismus dessen Bedingungen und ökonomischen Gesetzen unterworfen. Wenn die Profiterwartungen der Eigentümer erfüllt werden sollen, müssen die Mieten möglichst hoch sein und weiter steigen. Anschaulich zu beobachten ist das in fast jeder beliebigen deutschen Großstadt, verständlich wird es aber eben nicht zuletzt durch einen Blick in die Klassiker.

Dass selbst bürgerliche Politiker wie Bundesinnenminister Horst Seehofer die Wohnungsfrage als »die soziale Frage unserer Zeit« bezeichnen, heißt noch nicht, dass diese auch im Interesse der Mieterinnen und Mieter beantwortet wird. Holm weiß, wovon er spricht: Er war in Berlin 2016/17 für ein paar Wochen Staatssekretär für Wohnen.

Doch die »rot-rot-grüne« Regierung hatte die Postenbesetzung ohne vorherige Feindanalyse vorgenommen. Die Hauptstadtpresse schützte entschlossen die Immobilienwirtschaft und kramte das sicherste aller Rufmordinstrumente hervor: Der Soziologe sei als junger Mann noch 1989 beim Ministerium für Staatssicherheit der DDR eingestellt worden und habe in dessen Wachregiment Dienst getan. Staatssekretär war er dann nicht mehr lange.

In Kreuzberg fasste ein Zuhörer am Freitag Holms Ausführungen wie folgt zusammen: »Die Wohnungsfrage ist im Kapitalismus nicht zu lösen.« Dem konnte der Referent nur zustimmen, fügte aber hinzu, dass auf dem Weg zu einer anderen Gesellschaft die Not lindernde nicht auf der Strecke bleiben sollten. Wo Abhilfe möglich ist, solle diese auch geschehen. So wie durch den Mietendeckel in Berlin – oder die Enteignung von Wohnungen, wie es in der Hauptstadt durch ein Volksbegehren angestrebt wird.

Letztere war auch die Empfehlung von Engels: »Soviel aber ist sicher, dass schon jetzt in den großen Städten hinreichend Wohngebäude vorhanden sind, um bei rationeller Benutzung derselben jeder wirklichen ›Wohnungsnot‹ sofort abzuhelfen. Dies kann natürlich nur durch Expropriation der heutigen Besitzer geschehen«, wie es in der 1872/73 entstanden Schrift heißt.

Einige der heutigen »Mieteraktivisten« setzen dagegen eher auf den Bau neuer Wohnungen. Holm stellt dazu fest, dass »Engels wohl nicht zu der Bauen-Bauen-Bauen-Fraktion gehören« würde. Denn damit würde lediglich neues Angebot für eine gestiegene Nachfrage geschaffen – und damit wohl auch die naheliegende Lösung für das Kapital gefunden.

Die letzte Lektion des Abends betraf das Feld der Politik. Denn obwohl in der Berliner Verfassung das Recht auf angemessenen Wohnraum verankert ist, sieht die Realität ganz anders aus. Doch gebe es laut Holm mit der Mieterbewegung den aktuell wohl erfolgreichsten Akteur der Landespolitik: Ohne diese wäre der Mietendeckel nicht beschlossen worden.

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