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Aus: Ausgabe vom 11.01.2020, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Eine Gesellschaft im Zerfall

Kein »Freies Land«: Ein Thriller über die DDR nach ihrem Ende
Von Kai Köhler
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»Doch bleibt es ein Klischee« – Kommissare Stein (Trystan Pütter) und Bach (Felix Kramer)

Es ist 1992. Der westdeutsche Kommissar Patrick Stein hat seinen Polizeipräsidenten mit Kokain erwischt und den Mund nicht gehalten. Er findet sich strafversetzt in Rostock wieder und wird, als wäre das nicht schlimm genug, bald in ein trostloses Nachwendekaff geschickt. Dort soll er zusammen mit dem Ostler Markus Bach das Verschwinden zweier Mädchen aufklären.

Ein Team aus möglichst unterschiedlichen Ermittlern ist ein erprobtes dramaturgisches Mittel. Während ein Fall gelöst wird, können sie sich in einem Nebenkonflikt kabbeln. Hier steht der zumindest anfangs gesetzestreue Westler gegen einen Praktiker aus der DDR, der zur Gewaltanwendung bei Vernehmungen ein eher entspanntes Verhältnis hat. Kein Wunder – war er doch, wie sich bald herausstellt, Stasi-Scherge und unter denen sogar einer der schlimmen Sorte. Es scheint für manche Regisseursgehirne unmöglich zu denken, dass etwas mit der DDR zu tun haben könnte und trotzdem nicht mit dem Ministerium für Staatssicherheit.

Trübe Gegend

Immerhin legt die recht dürre Handlung nahe, dass ohne Bachs Methoden an einen Erfolg der Ermittlungen nicht zu denken wäre. Das war als Motiv auch im Westkrimi etabliert, spätestens seit dem ruppigen Auftreten des »Tatort«-Kommissars Schimanski Anfang der 80er. Auch Bach ist kein Ekel, im Gegenteil. Er kann besser als der korrekt-distanzierte Stein mit Menschen umgehen, ist zu Freundschaft wie zu treffenden Lageeinschätzungen befähigt. Christian Alvart, der für Regie, Drehbuch (mit Sigfried Kamml) und Kamera verantwortlich zeichnet, ruft das Klischee auf, um es in Frage zu stellen. Doch bleibt es ein Klischee.

Der Film hat Stärken. Zu ihnen gehören die Leistungen von Felix Kramer und Trystan Pütter in den Hauptrollen, aber auch die vieler Nebendarsteller. Gekonnt nutzt Alvart das Zusammenspiel von Landschaft und Jahreszeit für seine Bilder. Man sieht eine trübe, winterliche Gegend in Mecklenburg-Vorpommern, mit brackigen Gewässern, verhangenem Licht und zerbröselnden Gebäuden. Dem entspricht eine Gesellschaft im Zerfall. Der Filmtitel ist sarkastisch: Statt in ein endlich freies Land zu kommen, sieht sich Stein mit Unfreundlichkeit, Misstrauen, Kriminalität bis in den Polizeiapparat hinein und wirtschaftlichem Niedergang konfrontiert. Wer irgend kann und sich jung genug glaubt, woanders Arbeit zu finden, will weg.

Bald sind Leichen da

Als Einwand gegen die jubiläumsbedingte Euphorie über eine »friedliche Revolution« kam der Film am Donnerstag zu einem passenden Zeitpunkt in die Kinos – die Gewalt eskalierte nach dem Anschluss der DDR. Die Handlung aber ist äußerst nachlässig konstruiert. Warum werden zwei Kommissare auf eine bloße Vermisstenmeldung angesetzt? Nun gut, bald sind Leichen da, anscheinend wurden Mädchen im Jahresabstand gefoltert und gemordet. Aber warum beeilen sich die Täter, ausgerechnet dann vorzeitig ein neues Opfer zu finden, wenn gerade Polizisten herumschnüffeln? Und damit ist noch gar nicht die Rede von den Handlungssträngen, die irgendwann anfangen, um dann vergessen zu werden; von Unstimmigkeiten und von Details, die wie aus einer früheren Fassung des Drehbuchs ein sinnloses Nachleben führen. Man kann die Impressionen aus einem gar nicht freien Land als Stimmungsbild sehen – zu viel sollte man über das Gesehene besser nicht nachdenken.

»Freies Land«, Regie: Christian Alvart, D 2019, 128 min, bereits angelaufen

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