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Aus: Ausgabe vom 11.01.2020, Seite 7 / Ausland
Kolumbien

Es wird weiter gemordet

Verfolgung Linker und Indigener in Kolumbien. Staatschef schweigt zur Rolle der Paramilitärs
Von Julieta Daza, Caracas
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»Widerstand«: Ein Teilnehmer an den landesweiten Streiks in Kolumbien (Bogotá, 16.12.2019)

Auch 2020 ist in Kolumbien kein Ende der systematischen Verfolgung, Vertreibung und Ermordung von Bauern, Indigenen, Aktivisten und Linken abzusehen. Seit Jahresbeginn wurden mindestens acht Menschen bei Anschlägen ermordet. Unter den Opfern befinden sich Bauern sowie Aktivistinnen und Aktivisten sozialer und indigener Bewegungen. Auch ein früherer Kämpfer der linken Guerilla FARC-EP, Benjamin Banguera, der sich im Rahmen des Friedensprozesses ins zivile Leben eingegliedert hatte, wurde umgebracht. Ein weiterer ehemaliger FARC-Kämpfer überlebte einen Angriff schwer verletzt, wie die kolumbianische Zeitung El Espectador am Mittwoch online mitteilte.

Die Frage der »inneren Sicherheit« war dann auch Thema eines Treffens von Staatschef Iván Duque, Innenministerin Nancy Gutiérrez, Verteidigungsminister Carlos Trujillo, Generalstaatsanwalt Fabio Espitía sowie der Militär- und Polizeiführung am Donnerstag (Ortszeit). Wie das Magazin Semana online berichtete, sollte das vergangene Jahr bewertet werden. Präsident Duque lobte im Anschluss, dass laut Statistik die Morde an Aktivisten sozialer Bewegungen um 25 Prozent reduziert wurden. Staatliche Ermittlungen hätten ergeben, dass bewaffnete Gruppen, die um die Kontrolle der Lieferwege für Drogen und des illegalen Bergbaus kämpfen, für die Morde verantwortlich seien. Der rechte Staatschef rief die Einsatzkräfte dazu auf, diesen Gruppen »mit immer größerer Schlagkraft entgegenzutreten«.

Für die kolumbianische Bevölkerung sind das leere Worte – und die Angaben zu gesunkenen Opferzahlen kaum Trost. Laut dem Institut für Entwicklungs- und Friedensstudien (Indepaz) wurden im vergangenen Jahr 250 Aktivisten sozialer Bewegungen getötet. Einem zum Jahreswechsel erschienenen UN-Bericht zufolge kamen 2019 in Kolumbien 77 ehemalige FARC-Kämpfer ums Leben. Es sei für die frühere Guerilla somit das »gewalttätigste Jahr« seit der Unterzeichnung des Friedensvertrages 2016 gewesen.

Was nach dem Treffen Duques mit den anderen Staatsvertretern überhaupt nicht angesprochen wurde, ist die verstärkte Präsenz der paramilitärischen Gruppierungen in Kolumbien. Welche Rolle sie bei der Einschüchterung und den Morden an den Aktivisten und Indigenen spielen, zeigt die gegenwärtige Situation im Departamento Chocó. Ende des vergangenen Jahres war die paramilitärische Organisation »Autodefensas Gaitanistas de Colombia« (AGC) mit mehreren 100 Mann in Dörfer im vom Krieg stark betroffenen Landkreis Bojayá einmarschiert und verbreitete dort Terror – ohne dass staatliche Einsatzkräfte dem irgend etwas entgegengesetzt hätten.

Obwohl bereits am 24. Dezember mehrere afrokolumbianische Gemeinden und Menschenrechtsorganisationen den Einmarsch der Paramilitärs bekanntgemacht und angeprangert hatten, gab Staatschef Duque erst am 2. Januar den Befehl, zunächst 100 und später weitere 50 Soldaten nach Bojayá zu schicken. Laut der vor Ort anwesenden Organisation »Comisión de Justicia y Paz« wollen die Paramilitärs die Kontrolle über die Gebiete übernehmen. Sie bedrohen Gemeindevorsteher und Aktivisten, um sich, in Komplizenschaft mit dem Militär, weite Flächen des Grund und Bodens anzueignen.

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