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Aus: Ausgabe vom 10.01.2020, Seite 15 / Feminismus
Leben auf der Straße

»Frauen müssen unabhängig sein«

Obdachlosigkeit oft Folge einer Trennung: Sozialdienst katholischer Frauen hilft Betroffenen mit Duschmobil und tritt für »Housing first« ein. Ein Gespräch mit Elke Ihrlich
Von Gitta Düperthal
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Auch in Costa Rica gibt es bereits Duschmobile (Archivbild, 2017)

Der Sozialdienst katholischer Frauen (SKF) unterhält seit September ein Duschmobil für obdachlose Frauen in Berlin. Wie kommt es dazu, dass Frauen in die Lage geraten, nicht einmal mehr einen Raum für die Körperpflege zu haben?

Auf den Berliner Straßen gibt es bis zu 3.000 obdachlose Frauen. Anders als Männer sind sie allerdings nahezu unsichtbar. Wir Frauen haben sowieso sozialisationsbedingt häufiger die Eigenart, weniger in die Öffentlichkeit zu treten. Obdachlose Frauen tun alles, um zu kaschieren, dass sie keine Wohnung haben. Tagsüber halten sie sich etwa in Bibliotheken oder Einkaufszentren auf. Obdachlosigkeit ist oft Folge einer Trennung: Weil der Mann in der Regel den Mietvertrag hat, steht die Frau danach auf der Straße. Sie hat erst gar keine eigene Wohnung – oder verliert diese, beispielsweise wegen einer Mieterhöhung von 50 Euro, die sie nicht mehr bezahlen kann. Viele Frauen sind in sogenannten Frauenberufen im Niedriglohnbereich als Friseurin oder Verkäuferin tätig; oder in Teilzeit, weil sie die Kinder versorgen. Zunächst bleiben sie bei Freundinnen oder Verwandten, was nur eine Zeitlang gutgeht.

Beispiel: Anna (Name redaktionell geändert) muss aus der Wohnung ausziehen, weil der Mann sich eine jüngere Frau zulegt. Sie ist schon älter, ihre beiden Kinder sind aus dem Haus. Ihre Arbeit ist schlecht bezahlt. Sie hat keine gute Ausbildung, kann sich nicht einfach auf eine neue Stelle bewerben. In dieser Krisensituation muss sie sich zudem ein neues Heim suchen. Sie hat kein Geld, ist nicht selbständig. Zwei Monate lebt sie bei einer Freundin, bis deren Mann das nicht mehr akzeptiert. Irgendwann bleibt ihr nichts anderes übrig, als abends auf die Straße oder in Parks zu gehen, lange in der U-Bahn zu sitzen. Erst wenn nichts mehr geht, werden Angebote der Wohnungslosenhilfe angenommen. Wenn sie in unserer Notübernachtung »Evas Obdach« unterkommen, wo sie von 19 Uhr abends bis neun Uhr morgens ausruhen können, ist es das Beste, was ihnen unter den gegebenen Umständen passieren kann.

Von wem stammt die Idee mit dem Duschmobil?

Inspiriert ist es vom Vorbild Mobil’douche, das Obdachlosen seit zehn Jahren an illustren Orten in Paris private Duschzeit ermöglicht. Matthias Müller hat unser Berliner Duschmobil mit Wohlfühleffekt nach dem französischen Vorbild konstruiert und zur Verfügung gestellt, inklusive Instandhaltung. Gerade Frauen, für die es auf der Straße besonders hart zugeht, wenn sie ihre monatliche Regel haben, brauchen ein besonderes Angebot: Wo sie auf die Toilette gehen, duschen können und willkommen sind. Es gibt auch Gelegenheit, eine Tasse Kaffee zu trinken und zu reden.

Es geht also nicht bloß ums Duschen?

Nein. Wir fragen die Frau, wie es ihr geht; schaffen Vertrauen, nehmen Kommunikation auf. Manchmal plaudern wir über schöne Dinge, um Kraft zu schenken. Wir versorgen sie mit Monatsbinden oder Pflastern. Wichtig ist, was die einzelne Frau will. Wir begleiten zur Beratung, zur Notübernachtung, ins Krankenhaus, wo sie gerade hin muss – alles freiwillig. So ist auch der Duschraum zu nutzen: zum Haarewaschen, sich schminken oder schönmachen; dazu, sich selber zu sortieren, oder die in Plastiktüten mitgeschleppten eigenen Dinge. Damit sie sich auch auf der Straße ihre Würde bewahren können.

Woher wissen Sie, an welchen Orten sich wohnungslose Frauen aufhalten – und diese, dass Sie kommen?

Im Rahmen der Berliner Kältehilfe, mit unserer Tagesstätte »Evas Haltestelle«, den Notübernachtungen »Evas Obdach« und Intensivberatungen erreichen wir bis zu 800 wohnungslose Frauen pro Jahr. Sie erfahren von uns, wo das Duschmobil ist; wir hören von ihnen, wo sich andere aufhalten. Wir wollen auch an jene herankommen, die die Zeit auf der Straße oder bei wechselnden Partnern verbringen und noch nichts von unseren Angeboten wissen. Wenn wir einen Anruf erhalten, auf der Boddinstraße liege eine Frau auf der Straße, fahren wir einfach vorbei.

Fallen obdachlose Frauen im reichen Deutschland durch das »soziale Raster«?

Wir müssen an die Wurzeln des Problems gehen. Die Devise im Jahr 2020 muss sein: Frauen müssen unabhängig von der Beziehung mit einem Mann sein. Es gilt, sie mit Ausbildungen zu fördern und »Frauenberufe« nicht mehr so schlecht zu entlohnen, dass davon keine Wohnung finanziert werden kann. SKF ist am Projekt »Housing First« beteiligt. Ziel ist, für Frauen einen unbefristeten Mietvertrag und sozialpädagogische Unterstützung zu organisieren. Allerdings müssen sie die Wohnung selbst finanzieren können, etwa mit Hilfe des Jobcenters, durch eine Rente oder Arbeit.

Scheitern daran nicht viele?

Ja. Trotzdem klappt »Housing First« gut. Wir konnten Vermieter überzeugen, bereits 26 Frauen eine Wohnung zu geben; sogar einer Frau, die wir durch das Duschmobil kennengelernt haben. Unsere Erfahrung: Frauen holen sich freiwillig Beratung, um ihr Leben in den Griff zu kriegen. Sie sollten sich die Wohnung nicht erarbeiten müssen, sondern in eine Ruhesituation kommen, um etwa ihr Sucht- oder Messie-Problem zu bearbeiten; von Schulden loszukommen; Arbeit zu finden, etcetera. Es gibt zuwenig günstige Wohnungen, vor allem in der Innenstadt. Genau die brauchen aber Frauen, um nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden.

Was sind Ihre politischen Forderungen?

Uns ist wichtig, dass die Stadt eine Wohnung zunächst voraussetzungslos an eine Frau in einer Notsituation vergibt, ohne jeglichen Finanzierungsdruck. Erst im späteren Prozess sollten die Kosten dann von der Frau durch Jobcenter, Rente oder Arbeit getragen werden. Dies wollen wir mit der Berliner Senatsverwaltung und der Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales Elke Breitenbach (Die Linke) klären.

Elke Ihrlich ist Bereichsleiterin für offene Sozialarbeit beim Sozialdienst katholischer Frauen in Berlin

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