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Aus: Ausgabe vom 06.01.2020, Seite 15 / Politisches Buch
Kritik des Geldes

Prägendes Verhältnis

Vielzahl anregender Gedanken: Christian Hofmann und Philip Broistedt über das Geld und seine Überwindung
Von Guenther Sandleben
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Die Farbe blättert ab: Hausfassade in Dresden

Die Autoren Christian Hofmann und Philip Broistedt formulieren in ihrem Buch »Goodbye Kapital« eine radikale Alternative zur bestehenden kapitalistischen Gesellschaft, die immer größere ökonomische, soziale und ökologische Probleme hervorbringt. Der Untertitel ihres Buches verweist auf den Schwerpunkt ihrer Analyse: »Warum die Menschen dem Geld dienen und wie sie sich davon befreien könnten«. Verschiedene Protestbewegungen hätten zwar auf das Geld Bezug genommen, jedoch sei ihre Kritik oberflächlich und widersprüchlich geblieben, weit davon entfernt, grundsätzlich progressiv zu sein.

Für die Autoren ist Geld ein umfassendes, die gesamte Gesellschaft bestimmendes und prägendes Verhältnis. Es schließt sowohl das Kapitalverhältnis als »dritte Bestimmung des Geldes« (Marx) als auch die Warenproduktion ein. Die Autoren erklären mit einfachen und klaren Worten die Form der Arbeit: Statt unmittelbar gesellschaftlich zu sein, ist die Arbeit, die Waren produziert, nur mittelbar gesellschaftlich. Sie wird privat meist in kapitalistischen Unternehmen verausgabt. Ihr gesellschaftlicher Charakter zeigt sich erst im Austausch, nachdem die Ware produziert, also die Arbeit darin vergegenständlicht ist. Der gesellschaftliche Charakter der Arbeit erscheint deshalb als ein Gegenstand, als Geld, das den Wert der Ware und indirekt die Arbeitszeit relativ misst und der Warenzirkulation dient.

Dieser komplizierte, zu schweren Krisen neigende gesellschaftliche Zusammenhang lässt sich nach Auffassung der Autoren durch »Plan und Arbeitszeitrechnung« stark vereinfachen und ökonomisieren. »Wenn das Geld überwunden werden soll, muss dieser Mechanismus durch etwas anderes ersetzt werden, eben durch die bewusste Planung der Produktion und Distribution, weil nur so die blinde, nachträgliche Feststellung der Nützlichkeit der Produktion über Wert und Markt überwunden werden kann. Rationelle und nachhaltige Organisation der Produktion und Reproduktion lautet das Motto. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist die heutige Überproduktionskrise dann endlich eine Absurdität.« Der Geldausdruck der gesellschaftlichen Arbeit, die sachlich verkorkste Messung der Arbeitszeit durch das Geld entfällt, und es kann das natürliche Maß der Arbeit, die Arbeitszeit, direkt verwendet werden. »In der Arbeitszeitrechnung finden wir die gesellschaftlichen Funktionen wieder, die in der Warenwirtschaft das Geld übernommen hat: Messen, Vermitteln und Repräsentieren. Allerdings nicht in der gegenständlichen Gestalt eines anderen Wertes, sondern unmittelbar.« Die durch Ware, Geld und Kapital stark verkomplizierten gesellschaftlichen Verhältnisse erhalten auf der Grundlage der Arbeitszeitrechnung eine einfache und überschaubare Struktur, ohne dass ein von der Gesellschaft getrennter Staat erforderlich wäre. Voraussetzung für diese Arbeitszeitrechnung sind Produktionsmittel, die sich im gemeinschaftlichen Besitz assoziierter Produzenten befinden.

»Goodbye Kapital« verweist auf eine Gesellschaft, die auf einem erheblich höheren Niveau steht, was gesicherte Lebensverhältnisse, Glück und Freiheit anbelangt: Selbstbestimmung in der Produktion, Beseitigung unnützer Tätigkeiten, radikale Verkürzung der Arbeitszeit, Beseitigung einseitiger und stupider Tätigkeiten, Beseitigung der verheerenden ökonomischen, sozialen und ökologischen Verwerfungen. Dass die Autoren mit ihrer radikalen Kritik des Geldverhältnisses und dem Entwurf einer Alternative keineswegs die ersten sind, sondern sich einreihen in eine lange Geschichte der Kritik, die mit den kapitalismuskritischen Utopien und den Frühsozialisten einsetzte, schmälert keineswegs die Freude an einem Buch, das eine Vielzahl anregender Gedanken enthält.

Beide Autoren waren jahrelang in »Kapital«-Lesekreisen aktiv. Daraus ist ihr Wunsch entstanden, zentrale Inhalte der Marxschen Kritik in einfachen Worten und ohne »Zitateschlachten« darzustellen und dabei insbesondere die über den Kapitalismus hinausweisenden Aspekte hervorzuheben. Sie engagieren sich vor Ort in ihren Gewerkschaften und beschäftigen sich neuerdings vermehrt mit dem Thema »Marx und Ökologie«.

Christian Hofmann, Philip Broistedt: Goodbye Kapital. Warum die Menschen dem Geld dienen und wie sie sich davon befreien könnten. Books on Demand, Norderstedt 2019, 144 Seiten, 5,99 Euro

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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