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Aus: Ausgabe vom 04.01.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Raubbau für Profit

Der französische Kommunist Guy Biolat veröffentlichte 1973 sein Buch über »Marxismus und Umwelt«. Ein Auszug
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17. November 2017: Mammutskelett in einem Auktionshaus im französischen Lyon vor der Versteigerung

Seit jeher hat der Mensch auf die Natur eingewirkt, hat er sie umgestaltet und genutzt. (…) Beschränken wir uns darauf, einige typische Fälle der Naturbeeinflussung durch den Menschen zu erwähnen. Etwa 500.000 Jahre lang, d. h. bis zur Erfindung des Ackerbaus um 6.000 vor unserer Zeitrechnung, ist Mensch Jäger, mit entsprechenden Konsequenzen für die Dynamik der Tierpopulationen; was für Gemetzel unter Pferden und Mammuten angerichtet wurden, ist wohlbekannt.

In den primitiven Gesellschaften Afrikas führte die Brandrodungswirtschaft zum Rückgang des Waldes und zum Auftreten unfruchtbarer Lateritkrusten. Die Ergebnisse der sesshaften Landwirtschaft rings um das Mittelmeerbecken – Bodenerschöpfung – sind ebenso bekannt wie die Folgen des Überweidens. Die ganze Entwicklung der Bewässerungstechniken besteht aus Veränderungen von natürlichen Gleichgewichten. Die Ablösung nomadisierender Populationen durch sesshafte Populationen führte zu enormen ökologischen Gleichgewichtsstörungen zum Beispiel in den Steppen der Ukraine und Amerikas, wo das Gleichgewicht der Graslandschaften, der Nahrungsquelle von Tierherden, durch die Praxis der Weizen- und Maismonokulturen gestört wurde. Bekannt ist auch das klassische Beispiel der iberischen Halbinsel und der Folgen des Finanzabkommens zwischen Königin Isabella (1451–1504, jW) und den vereinigten Schafzüchtern, das diesen volle Freizügigkeit gewährte: Nach gut hundert Jahren dieser Praxis war das Land buchstäblich kahlgefressen. England wurde entwaldet, um Fabriken und den Schiffbau in Gang zu halten. Schon 1844 zeigte Engels bei der Schilderung der Lage der Arbeiterklasse, dass die Luft Londons und Manchesters weniger Sauerstoff und mehr Kohlendioxid enthielt als die Landluft. Der Mensch verändert also ständig die Natur und erzeugt dadurch rückwirkend Änderungen in seinen Lebensbedingungen und in den Verhältnissen zu seinesgleichen. (…)

Es handelt sich also nicht um Verhältnisse »des Menschen« schlechthin zur Natur, sondern um die der Menschen in einer gegebenen Gesellschaftsordnung. Die Umgestaltung der Natur durch Technik und Produktion ist eine gesellschaftliche Erscheinung. (…)

Wir durchlaufen heute einen in ökonomischer, sozialer und politischer Hinsicht qualitativ neuen Zeitraum. Die beginnende wissenschaftlich-technische Revolution hat Konsequenzen auf der Ebene der Industrie- und der Stadtentwicklung und für unsere Umwelt. Und jeder dieser Aspekte kann besorgniserregende Formen annehmen und sogar, je nach Entwicklungsrichtung, zu gefährlichen Situationen führen.

Die kapitalistische Gesellschaftsordnung befindet sich in unserer Epoche in einer tiefen Krise, die sich in der Inflation, in der zunehmenden Arbeitslosigkeit und in der Nichtbefriedigung lebenswichtiger menschlicher Bedürfnisse offenbart. Das hemmungslose Streben nach verstärkter Konzentration und stets vermehrtem Profit ist bestimmend dafür, dass die Probleme mit neuer Schärfe auftreten. Diese kapitalistische Logik führt zu Raubbau an den Ressourcen; sie bewirkt, dass besonders die Aspekte der wissenschaftlich-technischen Revolution, die dem Vorbeugen und Sanieren gegenüber Schadfaktoren gelten, nur unter Schwierigkeiten oder überhaupt nicht zum Tragen gebracht werden und dass in der Hauptsache nur auf die technischen Möglichkeiten zur Profitsteigerung eingegangen wird.

Auch die sozialistischen Länder müssen die wissenschaftlich-technische Revolution meistern; auch sie müssen Verschmutzungen vermeiden. Dabei können ihnen Fehler unterlaufen. Aber dort sind die Grundbedingungen für den Erfolg durch die Beseitigung des Grundwiderspruchs zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen gegeben, so dass die Möglichkeit besteht, den Bedürfnissen gerecht zu werden, insbesondere auch dem Bedürfnis nach stürmischer Entwicklung der Forschung. (…)

Genannt sei die Erklärung Kommandant (Jacques-Yves) Cousteaus (1910–1997, Meeresforscher und Dokumentarfilmer, jW) vor dem Europarat am 24. September 1970, wo er die alarmierende Situation der Meeresverschmutzung zeigte: Alles wandert ins Meer – das Blei der Kfz-Abgase, das Erdöl, die Schädlingsbekämpfungsmittel, das Quecksilber … Nur als Beispiele nannte er das Fischsterben im Golf von Mexiko und das Vogelsterben an der holländischen Küste; selbst Korallenriffe sterben ab. (…)

Hinzu kommen weitere Tatsachen, die die breiten Massen immer stärker beunruhigen: der Missbrauch von Wissenschaft und Technik für die Militarisierung, die Armut, die ungerechte Verteilung des Reichtums, die Ausplünderung bestimmter, angeblich »unterentwickelter« Länder durch den Weltkapitalismus, Tatsachen, deren Lösung nicht ohne tiefgreifende politische Veränderungen in Angriff genommen werden kann.

Der damalige Verantwortliche für die Umweltkommission der Französischen Kommunistischen Partei (FKP), Guy Biolat, veröffentlichte 1973 sein Buch »Marxisme et environnement« (»Marxismus und Umwelt«). 1974 brachte es der Dietz-Verlag in der DDR unter dem Titel »Ökologische Krise? Ziel und Hintergrund bürgerlicher Theorien von Gesellschaft und Umwelt« heraus.

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