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Aus: Ausgabe vom 02.01.2020, Seite 10 / Feuilleton
Politische Theorie

Wattierter Verkehr

Wolfgang Pohrts Werke, Band 1: Eine historisch-kritische Ausgabe seiner marxistischen »Theorie des Gebrauchswerts«
Von Jakob Hayner
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»Milde Rücksichtnahme produziert eine Atmosphäre wie im Altersheim.« (Pohrt) Hausbesetzer in Berlin-Kreuzberg, 1981

Nichts ist entscheidender als die Frage des Gebrauchs. Ob ein Haus einen Raum bietet, in dem man sich betten kann, um die angenehmen Dinge des Lebens zu tun, also ein Ort des frei gestalteten Zusammenlebens ist, oder ob es dem Zweck dient, damit möglichst viel Geld aus seinen Insassen herauszupressen, die dann auf die Straße gesetzt werden, wenn sie nicht mehr profitabel genug sind, ist ein Unterschied ums Ganze. Wenn die Menschheit von der gesamten Dingwelt keinen anderen Gebrauch mehr macht als solchen, wenn alles und jeder nur noch der weiteren Anhäufung von Kapital zur weiteren Unterwerfung fremder Arbeit dient, dann läuft nicht nur im Denken etwas grundsätzlich falsch. Denn einen solchen Gebrauch der Dinge spinnen sich nicht einzelne aus, er ist gesellschaftlich bestimmt. In einer Gesellschaft, die alles dem Tausch unterwirft, kann es keinen naiven Begriff vom Gebrauch geben, alles ist verkehrt.

Das beginnt beim Brot, das zwar in ausreichender Menge hergestellt wird, aber nicht, um den Hunger weltweit zu beenden, und hört auf bei der Tatsache, dass, um den Welthandel »abzusichern«, ein Gutteil der produktiven Kräfte der Gesellschaft der Aufrüstung zugeführt wird, statt der Befriedung des Daseins zu dienen. Marx stellte einst fest, dass der Kapitalismus zwischen Tausch- und Gebrauchswert unterscheidet. Er stellte zudem fest, dass diese Unterscheidung den Eigentümlichkeiten der kapitalistischen Produktion selbst entspringt. »Erst wenn das Brot profitabel sein muss, um hergestellt zu werden, stellt sich die Frage nach seinem Nutzen für den Konsumenten separat«, formulierte Wolfgang Pohrt in Anschluss an Marx. Seine Dissertation »Theorie des Gebrauchswerts« von 1976 (bei Helmut Reichelt) bildet den Hauptteil des nun in der Edition Tiamat erschienenen Band 1 der Pohrt-Werke. Neben dieser »Anstrengung in spekulativer Marx-Philologie« (Pohrt) finden sich in dem Band zudem Texte aus den Jahren von 1969 bis 1980 wie »Arbeiter und Kleinbürger«. Manche stammen aus seiner Zeit als Dozent an der Lüneburger Hochschule, etwa »Gute Ratschläge für Examenskandidaten« oder Notizen zu einem Seminar über den französischen Soziologen Émile Durkheim.

Der Band weist im Vergleich zu den bisher erschienenen Bänden der Werkausgabe eine Eigenart auf, die mit der Editionsgeschichte der »Theorie des Gebrauchswerts« zusammenhängt. Erstmals 1976 bei Syndikat veröffentlicht, wurden für eine Neuausgabe bei Tiamat von 1995 die verwandten Texte »Nutzlose Welt« und »Vernunft und Geschichte bei Marx« hinzugefügt. Zudem veränderte Pohrt den Text und schrieb eine Vorbemerkung unter dem Titel »Twenty Years After«. Die unterschiedlichen Fassungen sind in dem nun erschienenen Band nachzuvollziehen, der Mitherausgeber Arne Kellermann schreibt in seinem editorischen Nachwort, dass sich für Pohrt der politische Gebrauchswert seiner Schrift selbst verändert hatte. 1976 richtete sich der Autor an eine westdeutsche Linke, die sich immerhin mit Marx ein wenig für die revolutionäre Umgestaltung der Welt zum Besseren interessierte. Nachdem die sogenannten Alternativen darauf endgültig verzichteten, zudem nach 1990 ff. die Linke in Ost wie West gesellschaftlich marginalisiert war und die nationale Erweckung Großdeutschlands ihren bis heute anhaltenden Lauf nahm, nahm Pohrt einiges zurück. Die erneuerte Fassung liest sich weniger empört und politisch-aktivistisch. Das hätte unter den Umständen von 1995 albern geklungen. Auch die eigenen Einsichten unterliegen der historischen Vergänglichkeit.

Ausgesprochen interessant für die Jetztzeit sind jene Passagen, in denen Pohrt den Zerfall der politischen Bewegung der 60er und 70er Jahre, verbunden mit dem Aufkommen der Alternativen beschreibt und kritisiert. Es lassen sich Mechanismen erkennen, die nicht nur in den kleineren oder größeren Politzirkeln jener Zeit zum Absterben der Widerständigkeit führten, sondern auch noch den heutigen Jargon der Diskriminierungssensibilität prägen – wobei die tatsächlichen Scheußlichkeiten und Ungerechtigkeiten der Gesellschaftsordnung unberührt geblieben sind. »Ausdruck dieses Mechanismus«, schreibt Pohrt in »Nutzlose Welt«, »ist auf Gruppentreffen der fürsorgliche Ton, die ausbeuterische Anteilnahme, wenn, weil keinem was Vernünftiges einfällt, schließlich dazu aufgefordert wird, reihum einmal mit eigenen Problemen herauszurücken.«

»Weil solche Kameraderie die Menschen nicht bestätigt, wo sie sich wehren, sondern wo sie wehrlos leiden – nichts wollen, nichts wissen, nichts können und nichts tun –, herrscht grenzenlose Bereitschaft zu menschlichem Verständnis, und schon daran zu kratzen ist tabu. Milde Rücksichtnahme produziert eine Atmosphäre wie im Altersheim. In solchermaßen wattiertem Verkehr kann sich kein Widerstand entwickeln, wird doch auch niemand wirklich ernst genommen.« Bekanntlich hat sich der wattierte Verkehr inzwischen zum Idealbild des Linksbürgertums entwickelt, ohne einen Blick auf die gänzlich unwattierte Grundlage der eigenen gesellschaftlichen Existenz zu werfen. Jeder soll sich aussprechen dürfen, nur folgen soll daraus nichts mehr. Vom eigenen Denkvermögen einen besseren Gebrauch zu machen, dürfte auch einer Politik zuträglich sein, die eine Emanzipation vom Diktat des Tauschwerts anstrebt.

Wolfgang Pohrt: Theorie des Gebrauchswerts. Wissenschaftstheorie. Seminararbeiten. Texte 1969–1980. Wolfgang-Pohrt-Werke Bd. 1. Hrsg. von Klaus Bittermann und Arne Kellermann, Edition Tiamat, Berlin 2019, 592 Seiten, 32 Euro

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