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Aus: Ausgabe vom 30.12.2019, Seite 8 / Ansichten

Saustall des Tages: Deutsche Debattenkultur

Von Kristian Stemmler
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Wer treibt hier eigentlich wen durchs Dorf?

Soll man lachen oder weinen? Während die Welt an allen Ecken und Enden brennt, echauffieren sich hierzulande Tausende über einen Satiresong. In einem Onlinevideo des Radiosenders WDR 2 hatte ein Dortmunder Kinderchor das Lied »Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad« mit verändertem Text gesungen. »Das sind tausend Liter Super jeden Monat«, hieß es da, und weiter: »Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau.« Außerdem: »Meine Oma fährt mit ’nem SUV beim Arzt vor, überfährt dabei zwei Opis mit Rollator.«

Eindeutiger kann Satire nicht sein, doch in den »sozial« genannten Medien empörte man sich am Wochenende, Kinder seien für »üble Hetze« gegen die ältere Generation instrumentalisiert worden. Bei Twitter führte der Hashtag »Umweltsau« am Wochenende die Trendliste an. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) befand, die Debatte um Klimaschutz werde »von manchen immer mehr zum Generationenkonflikt eskaliert«. Und der ehemalige Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen fragte gar, wann »diese Damen und Herren Intendanten und Chefredakteure« der öffentlich-rechtlichen Sender »zur Verantwortung gezogen werden«.

Noch skurriler waren nur die Reaktionen des WDR selbst. In einer Sondersendung bezeichnete WDR-2-Chef Jochen Rausch es als Fehler, den Ausdruck »Umweltsau« in Verbindung gebracht zu haben »mit der lieben Omi, der man das gar nicht vorwerfen kann«. Dann wählte sich noch WDR-Intendant Tom Buhrow telefonisch in die Sendung ein und entschuldigte sich. Er melde sich aus einem Krankenhaus in Siegburg, in dem sein 92jähriger Vater liege: »Er sitzt neben mir, und ich kann sagen: Er ist keine Umweltsau. Er hat sein Leben lang hart gearbeitet.« Noch armseliger kann eine »Debatte« über das Unwesentliche, die die eigentlichen Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft verschleiert, kaum geführt werden.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Richard Jawurek, Markkleeberg: Aufklärung leisten Den so empörten Hörern des satirischen Textes ist das Anliegen von Satire, mit Überspitzungen Zu- und Missstände in den Mittelpunkt zu rücken, eher nicht vertraut. Man könnte meinen, sie fühlten sich ...
  • Jens Borchert: Ohne Beißreflexe Es ist nicht leicht, auf einen Beitrag in einer Glosse zu reagieren, der »Saustall des Tages« heißt. Ich möchte es dennoch tun, da mir eine Argumentationsrichtung in dieser Debatte bislang fehlt. Sie...
  • Matthias Bartsch, Lichtenau: Fehlende Souveränität und Redlichkeit Schaut man sich in diesen Zeiten des öffentlichen Meinungszorns auch nur ein klein wenig genauer um, die Macher des Satireliedes hätten die nun eingetretenen, für sie offenbar überraschend heftigen Re...

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