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Aus: Ausgabe vom 30.12.2019, Seite 8 / Ansichten

Den Westen überholt

Russlands Hyperschallwaffe
Von Arnold Schölzel
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Interkontinentalrakete startet in Russland (undatierte Aufnahme)

Das hat gesessen. Am Dienstag vergangener Woche kündigten Russlands Präsident Wladimir Putin und Verteidigungsminister Sergej Schoigu an, dass noch in derselben Woche das erste Hyperschallwaffensystem, die Interkontinentalrakete »Awangard«, einsatzbereit sein werde. Weitere moderne Waffen sollen bald folgen. Den meisten »Qualitätsmedien« des Westens war das keine Notiz wert. Am 24. Dezember nichts im dpa-Bericht, erst am Sonnabend folgte eine dürre Meldung. AFP hatte immerhin schon am Freitag berichtet. Die FAZ knöpfte sich am selben Tag Putins Äußerungen zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges vor, erst am Ende des Artikels findet sich ein säuerlicher Satz zum Hauptgegenstand seiner Ausführungen: Der Präsident habe Waffen aufgezählt, »deren Funktionsfähigkeit indes teils fragwürdig ist«.

Die Ankündigung, dass »Awangard« einsatzbereit sei, überlesen oder ignorieren solche »Korrespondenten«. Sie schreiben ersatzweise über den angeblich unaufhaltsamen Niedergang Russlands auf allen Gebieten, da können Wissenschaft und Technik nicht berücksichtigt werden. Die Herrschaften beschreiben so vor allem den Niedergang ihres Journalismus und unterbieten selbst die Berichterstattung während des ersten Kalten Krieges.

Um den geht es auch bei dieser Waffenentwicklung. Ob Russland, wie Putin selbst einmal meinte, mit ihr etwas Ähnliches geleistet hat wie die Sowjetunion mit dem Start des ersten künstlichen Satelliten 1957, mögen Fachleute beurteilen. Damals gab es im Westen den »Sputnik-Schock«, heute, scheint es, bekommen die Kreml-Astrologen nicht einmal mit, wenn die USA und ihre Verbündeten technisch überholt werden. Putin sprach jedenfalls am Dienstag von »einer einzigartigen Situation« in der jüngeren Geschichte Russlands. Es habe ebenso wie die Sowjetunion stets nur nachgeholt, was der Westen vorgelegt habe: Atomwaffen, strategische Bomber, Interkontinentalraketen. Nun aber versuche man, »uns einzuholen«. Kein anderes Land verfüge über Hyperschallwaffen.

Putin und Schoigu wiesen des öfteren darauf hin, dass die Arbeiten an diesen Systemen in Russland nach der Kündigung des ABM-Vertrages über Raketenabwehr durch Washington im Jahr 2002 begannen. Das Auslaufen des INF-Vertrages über landgestützte Kurz- und Mittelstreckenraketen im August 2019, das von Donald Trump mit Lügen und der Entwicklung eigener Waffen vertragswidrig vorbereitet wurde, kam hinzu. Die Errichtung von US-Abwehrsystemen in Rumänien und Polen vollendet zusammen mit den unentwegten NATO-Manövern gegen Russland die Bedrohungslage.

Klar ist, wer das neue Wettrüsten begann und wer reagierte. Allerdings gilt auch: Der technische Vorsprung der Sowjetunion im Jahr 1957 verhinderte nicht ihren Untergang 34 Jahre später. Der Westen tut alles, um diese Frist für das heutige Russland abzukürzen. Die Nuss, die er knacken will, ist härter geworden.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Rudolf Sittner, Cottbus: Kein Grund zum Jubeln Bitte passt auf, dass Ihr Euch nicht von der aufkeimenden Sprache des kalten Krieges verleiten lasst: »Das hat gesessen«, »Die Nuss ist härter geworden« usw. Es war wohl für Russland folgerichtig, ein...
  • Bernd Goldammer: Nie mehr unvorbereitet Dieser Artikel legt die reale geopolitische Situation offen. Das ist Journalismus. In der Tat, diese Wirklichkeit ist nichts für schwache Gemüter. Niemand wird die Russen noch einmal wehrlos antreffen...
  • E. Rasmus: Aus dem Nebel Offenbar bin ich nicht alleine mit der Frage nach der Schlussbemerkung des Autors: Was hat der Sputnik mit der Liquidierung der Sowjetunion zu tun? Seit der Oktoberrevolution wurden viele und zunächst...
  • Achim Lippmann: Brutale Quittung Ihrem Artikel stimme ich voll zu. Aber dem Abschluss nicht ganz: Wie lange wird der Westen in seiner heutigen Verfassung noch existieren? Fünf Jahre, zehn Jahre? Der Klimawandel ist eine brutale Quitt...
  • alle Leserbriefe

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