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Aus: Ausgabe vom 28.12.2019, Seite 8 / Sport
Gleichberechtigung im Sport

»Weitere 30 Jahre will vermutlich keine Frau warten«

Kicken im Abseits: Fehlende Gleichberechtigung zeigt sich auch im deutschen Profifußball. Ein Gespräch mit Doris Achelwilm
Interview: Oliver Rast
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Die deutsche Nationalmannschaft beim Training während der WM in Frankreich (28.6.2019)

Auf Ihre Anfrage zu »Geschlechtergerechtigkeit im deutschen Profifußball« haben Sie jüngst Antwort vom auch für Sport zuständigen Bundesinnenministerium erhalten. Demnach sieht die Bundesregierung bei dem Thema kaum Handlungsbedarf. Warum empört Sie das?

Vorweg: Viele Frauen haben andere Probleme als mangelnde Sichtbarkeit und Gleichstellung im Bereich des Sports. Trotzdem ist das Thema von Belang. Die nachweisbaren Benachteiligungen von weiblichen Alleinerziehenden, Berufstätigen oder eben Fußballerinnen haben vergleichbare Ursachen: Frauen werden vielfach immer noch auf untergeordnete oder unsichtbare Rollen festgelegt und durchschnittlich weniger gefördert, bezahlt, geachtet. Mit diesem gesamtgesellschaftlichen Problem umzugehen, auch im Sport, ist eine zentrale politische Frage. Dass die Bundesregierung das anders sieht und zum Frauenfußball kein Wissen oder Handlungsinte­resse zeigt, überrascht mich nicht.

Wer ist beim Abbau geschlechtsspezifischer Ungleichheit im Profifußball gefragt: der Staat oder doch Vereine und Verbände?

Auf der operativen Ebene sind es die Vereine und Verbände. Die Bundesregierung könnte aber maßgeblich einwirken, indem sie Kontakte und Spielräume auslotet und auf mehr Gerechtigkeit für Frauen im Fußball hinwirkt. Wenn der sogenannte Gender Pay Gap von über 20 Prozent mangels wirksamer Initiativen wie in Stein gemeißelt ist, entsteht auch im Fußball nicht der nötige Handlungsdruck. Dass es auch anders geht, zeigen Dänemark oder Spanien, wo weibliche Fußballteams ernster genommen und anders ausgestattet werden.

Mal ehrlich: Geschlechtergerechtigkeit im Profifußball, einem männerdominierten und komplett durchkommerzialisierten Sport – wie soll das funktionieren?

Es geht aktuell nicht um das Gleichziehen mit Mondhonoraren und Bedingungen der »männerdominierten« Sphäre, sondern zum Beispiel um Mindeststandards für Bundesligaspielerinnen. Wenn Frauen ihre Fußballlaufbahn vorzeitig beenden, weil sie nebenher voll ihrer Lohnarbeit nachgehen müssen, dann ist das eine ex­treme Schieflage. Was jetzt ansteht, ist die Entlastung der Erstligaspielerinnen von zusätzlichen Erwerbspflichten, Zweitjobs und Prekarität. Es ist nicht länger hinzunehmen, wenn Fußballvereine aus Spargründen die – mitunter erfolgreichere – Frauen- oder Mädchensparte dichtmachen, um die männlichen Mannschaften zu retten.

In den USA und Skandinavien treten Fußballerinnen deutlich offensiver für ihre Interessen ein als hierzulande. Protestieren Spielerinnen in Deutschland zu wenig?

In den USA gibt es eine jahrzehntelange Antidiskriminierungspolitik an den Unis und Sportförderstätten. Forderungen nach Equal Pay werden wegen der größeren Popularität von Frauenfußball breiter unterstützt. Hierzulande haben sich Spielerinnen wie Almuth Schult schon beachtlich über Missstände geäußert, aber bislang gibt es auf Forderungen zu wenig Resonanz. In anderen Ländern waren die Proteste, Streiks und gewerkschaftliche Organisierung von Fußballerinnen in der Tat ziemlich erfolgreich.

Ist überhaupt absehbar, wer in der BRD Spielerinnen bei ihrem Protest unterstützen würde?

Seit 30 Jahren spielt die Frauenbundesliga praktisch ohne breitere Öffentlichkeit, die Berichterstattung ist mager. In den meisten Entscheidungsebenen der Verbände fehlen Frauen, die die vorherrschenden Selbstverständnisse vermutlich schon durch pure Anwesenheit in Frage stellen würden. Auf die erste Verbandspräsidentin zu warten, die es dann richten soll, scheint mir nicht hilfreich zu sein. Man kann schon jetzt den neuen DFB-Präsidenten Fritz Keller auffordern, den Fokus stärker auf Frauenfußball zu legen. Noch hat der Verband die Möglichkeit, das selbst zu regeln. Weitere 30 Jahre will vermutlich keine Frau, die mit Fußball zu tun hat, warten.

Doris Achelwilm ist Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke und gleichstellungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion