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Aus: Ausgabe vom 04.01.2020, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Auf Rosinantes Rücken

Wie ein moderner Don Quijote: 1960 brach John Steinbeck zu einer großen Rundreise durch die USA auf
Von Götz Eisenberg
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Auf der Suche nach dem wahren Amerika: John Steinbeck

Anfang des Jahres sah ich eine Fernsehdokumentation über eine Reise, die John Steinbeck im Jahr 1960 durch die USA unternommen hat. Sein Reisebericht erschien 1962 unter dem Titel »Meine Reise mit Charley. Auf der Suche nach Amerika«. Die Sendung hatte mich neugierig auf das Buch gemacht. In meinen Regalen fand ich die Steinbeck-Klassiker aus der Zeit der großen Depression »Früchte des Zorns« und »Von Mäusen und Menschen«, nach dem Reisebericht suchte ich vergeblich. Wenige Tage danach stieß ich in einem dieser öffentlichen Bücherschränke auf eine deutsche Übersetzung des Buches aus dem Jahr 1963 in einer wunderbaren Leinenausgabe. Es ist eine dieser seltenen Lektüren, bei denen man ab der Mitte des Buches mit einem Gefühl des Bedauerns registriert, dass ihr baldiges Ende naht.

1959 erlitt John Steinbeck einen leichten Schlaganfall. Es war bereits der zweite, und die Ärzte rieten ihm, kürzer zu treten und sich zu schonen. Das kam für ihn nicht in Betracht. Von klein auf trug er, wie er sagt, einen »Unruhevirus« in sich, der ihn von Zeit zu Zeit überfiel. Das werde sich im Lauf der Jahre legen, und die »Reife« werde dieses Laster heilen, hatte man ihm prophezeit. Steinbeck war inzwischen 58 Jahre alt und noch immer nicht ins Stadium der Reife eingetreten. Er mochte nicht zu jenen Männern gehören, die ihre Vehemenz gegen die Aussicht eintauschen, ihr Leben minimal zu verlängern. »Ich wollte nicht das Ungestüm einem kleinen Geländegewinn zuliebe aufgeben.«

Ein Band zwischen Fremden

John Steinbeck hatte die halbe Welt bereist und merkte nun mit Schrecken, dass er sein eigenes Land nicht (mehr) kannte. Im Jahr 1960, als sich Kennedy und Nixon um das Präsidentenamt bewarben, brach Steinbeck zu einer Reise durch die Vereinigten Staaten auf. Sie sollte ihn von Long Island hinauf bis zur Nordspitze von Maine, dann an der kanadischen Grenze entlang bis nach Seattle, die pazifische Küste hinunter bis in seine alte Heimat Salinas und Monterey, dann durch den Süden der USA zurück nach New York führen. Er wollte »die Wahrheit über sein Land« und dessen Bewohner herausfinden. Er ließ sich einen Pick-up mit einem Wohnaufsatz ausstatten und nannte das Gefährt »Rosinante«, nach Don Quijotes Pferd. Furchtlos wie dieser wollte er sich den Herausforderungen einer solchen Reise durchs eigene Land stellen, und wie dieser wollte er es mit einer großen Portion Selbstironie tun. Er pinselte den Namen auf die Seitenwände des Wagens und belud ihn mit Lebensmitteln, Büchern, Papier, einer Schreibmaschine und einem Kofferradio. Als Reisegefährten nahm er anstelle von Sancho Pansa Charley mit, seinen zehn Jahre alten und ziemlich großen französischen Pudel. Dieser war klug und listig, ein guter Wachhund und Gefährte. Er trug viel zum Gelingen der Reise bei. »Ein Hund, vor allem ein Exote wie Charley, ist ein Band zwischen Fremden. Viele Gespräche unterwegs begannen mit der Frage: ›Was für ein Hund soll das sein?‹« Als weitere Technik, mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen, empfahl Steinbeck, Leute nach dem Weg zu fragen. Er erfuhr auf seiner Reise, »dass man am leichtesten Aufmerksamkeit erlangt, Beistand bekommt oder ein Gespräch eröffnet, wenn man sich verirrt hat«. Diese Schilderung erinnert uns Heutigen daran, welcher Möglichkeiten der Kontaktaufnahme die Navigationsgeräte uns beraubt haben.

Nachdem ein Hurrikan dafür gesorgt hatte, dass sich die Abreise verzögerte, war es am 23. September 1960 endlich soweit. Sein Plan war, die USA an ihren Rändern einmal ganz zu umkreisen, Ränder nicht nur im geographischen, sondern auch in einem sozialen Sinn: Er wollte herausfinden, wie die sogenannten kleinen Leute und Außenseiter lebten, denen immer schon sein besonderes Interesse gegolten hatte. Es ist eine Stärke dieses Buches, dass es vieles zugleich ist und unterschiedliche literarische Genres mischt. Es ist eine Sozialreportage, ein Reisebericht, eine ethnologische Studie, es enthält Landschaftsschilderungen, Kurzgeschichten, Essays und Reflexionen über Naturbeherrschung und den Zustand der Zivilisation. Ich war erstaunt, bei Steinbeck bereits auf ein ausgeprägtes Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge zu stoßen. Mit Schrecken registrierte er, wie das Land unter Bergen von Müll und Plastik verschwand.

Zunächst wandte er sich nach Norden und fuhr durch Vermont und New Hampshire Richtung Maine. Er kampierte bei Farmern, an Flussufern und Seen. Er kochte auf einem Gaskocher und verpflegte sich meist selbst. Er studierte die örtliche Presse und hörte lokale Radiosender. Beim Tanken und in Raststätten kam er mit Leuten ins Gespräch, die ihn auf Rosinante oder Charley ansprachen. Mit seinen Landsleuten in Kontakt zu kommen, war sein Hauptanliegen auf dieser Reise. Er gibt einen Dialog zwischen einem extrem wortkargen Mann und einer Frühstückskellnerin in einem Straßenrestaurant wieder. Mehr als Grunzlaute und stumme Signale gab der Mann nicht von sich. Er wäre sich sonst geschwätzig vorgekommen.

In Maine wollte Steinbeck die Kartoffelernte miterleben. Tagelang lebte er in der Nachbarschaft und Gesellschaft von frankokanadischen Wanderarbeitern, die ihn an ihrem Alltag teilhaben ließen und ihre Suppe mit ihm teilten. Sie kamen jedes Jahr zur Kartoffelernte über die Grenze und verdienten auf diese Weise soviel Geld, dass sie über den Winter kamen. In Maine war gerade Jagdsaison, und man lebte gefährlich. Die Männer schossen auf alles, was sich bewegte. Steinbeck fürchtete um das Leben seines Hundes und band um dessen Schwanz ein rotes Tuch.

Er wandte sich nun nach Westen. Unterwegs fiel ihm auf, dass die Dorfläden zugunsten von Supermärkten und Kettenfilialen verschwunden waren. Er registrierte eine »Standardisierung unserer Lebensmittel, unserer Lieder, unserer Sprache und letztlich unserer Seelen«. Ähnlich wie Pasolini beobachtete und bedauerte er, dass 40 Jahre Radio und 20 Jahre Fernsehen die Dialekte abgeschafft hatten. In Vermont besuchte er an einem Sonntag morgen einen Gottesdienst, den ein Pfarrer abhielt, der eine »Feuer-und-Schwefel-Predigt« hielt. Er war ein echter Experte in Sachen Hölle, nicht einer weichgespülten Hölle, sondern einer »gut ausstaffierten, weißglühenden Hölle, die von erstklassigen Fachleuten bedient wird«. Gott war hier noch ein gestrenger Vater, nicht ein Kumpel, »der mit seinem Sohn Softball spielt«. Steinbeck war so begeistert, dass er beim Verlassen der Kirche fünf Dollar auf den Spendenteller legte.

Da »Rosinante« zu den Lastwagen gezählt wurde, musste Steinbeck auf Raststätten spezielle Parkplätze benutzen, die für Lkw-Fahrer reserviert waren. So lernte er viele von ihnen kennen und erlebte sie überwiegend als freundlich und hilfsbereit. Sie lebten ein nomadisches Leben abseits der sesshaften Bürger, suchten spezielle Orte auf, verwandten ein eigenes Vokabular, eine Art Fernfahrer-Rotwelsch, waren als ständige Radiohörer über die Weltläufte bestens informiert und fungierten als Nachrichtenübermittler. Steinbeck mochte sie und suchte unterwegs immer wieder ihre Nähe. Sie wiederum interessierten sich für Rosinante. Steinbeck lud sie ein und trank Whisky mit ihnen, den er für solche Anlässe im Wagen mit sich führte.

Das Gebot der Flexibilität

Bei der Durchquerung des Nordwestens fielen ihm auf den Straßen vermehrt sogenannte Mobile homes auf, transportable Wohneinheiten, die auf Spezialschleppern transportiert und dann auf dafür vorgesehenen Plätzen abgestellt wurden. Für ihn war das Phänomen neu, und er war interessiert, die Bewohner dieser Behausungen und ihre Motive kennenzulernen. Steinbeck wird Zeuge der Geburt des »flexiblen Menschen« (Richard Sennett). Menschen wohnten und arbeiteten eine Weile an einem Ort und zogen weiter, wenn der Arbeitsmarkt woanders günstiger war. Ihre Kinder wurden morgens von einem Schulbus abgeholt und so zeitig an eine Existenz als Pendler gewöhnt. »Eine unserer Lieblingsvorstellungen betrifft die Wurzeln, das Aufwachsen auf der Heimaterde oder in der Gemeinschaft«, notierte Steinbeck und nahm sich vor, die Bewohner der fahrbaren Wohnungen zu fragen: »Wie dachten sie darüber, dass ihre Kinder ohne Wurzeln aufwuchsen? War dies gut oder schlecht, vermissten sie etwas oder nicht?« Einer von ihnen antwortete ihm: »Wie viele Leute haben denn heute das, was Sie meinen? Was für Wurzeln hat man in einem Mietshaus im elften Stock? Was für Wurzeln hat man in einer Siedlung mit ein paar hundert oder tausend kleinen Häusern, die alle gleich aussehen? Mein Vater kam aus Italien. Er ist in der Toskana aufgewachsen, und zwar in einem Haus, das seine Familie vielleicht schon seit tausend Jahren bewohnt hatte. Da haben Sie Ihre Wurzeln; kein fließendes Wasser, keine Toilette, und gekocht wurde mit Holzkohle oder mit abgeschnittenen Weinranken. Sie hatten dort zwei Räume – eine Küche und ein Schlafzimmer, in dem alle schliefen, der Großvater, der Vater und sämtliche Kinder. Keiner hatte einen Platz zum Lesen, zum Alleinsein und hat ihn nie gehabt. War das vielleicht besser?«

Steinbeck sieht eine gewisse Neigung zur Rastlosigkeit im US-amerikanischen Sozialcharakter verankert. »Die mit Wurzeln Behafteten blieben zu Hause und sind immer noch dort«, notierte er. Die US-Amerikaner stammten von den Rastlosen ab, von den Unsteten, die nicht zu Hause bleiben wollten. Steinbeck ist kein rückwärtsgewandter Romantiker. Er kennt eine gewisse Unruhe aus seinem eigenen Leben, ist von der Lebensform der Unsteten fasziniert, sieht den Aufbruch aus lokaler Borniertheit und Beschränktheit, die Erweiterung der Freiheitsräume der Menschen. Aber er nimmt auch die Dialektik wahr, erblickt auch die Schattenseiten dieser Entwicklung. Der Preis, den die Menschen für die gewachsene Flexibilität zu entrichten haben, ist ein Verlust an Bindungen und tragfähigen Beziehungen. Mobilität und Flexibilität führen zu einer menschlichen Verarmung, weil sie die Rastplätze des Lebens beseitigen: solidarische Nachbarschaften, betriebliche Loyalität, Verlässlichkeit und Treue. Vierzig Jahre später waren die dunklen Seiten von Flexibilität und Mobilität deutlicher hervorgetreten. Der US-Soziologe Richard Sennett hat in seinem Werk »Der flexible Mensch« (1998) daran erinnert, dass Flexibilität im 15. Jahrhundert Teil des englischen Wortschatzes geworden war: »Seine Bedeutung war ursprünglich aus der einfachen Beobachtung abgeleitet, dass ein Baum sich zwar im Wind biegen kann, dann aber zu seiner ursprünglichen Gestalt zurückkehrt. Flexibilität bezeichnet zugleich die Fähigkeit des Baumes zum Nachgeben wie die, sich zu erholen, sowohl die Prüfung als auch die Wiederherstellung seiner Form. Im Idealfall sollte menschliches Verhalten dieselbe Dehnfestigkeit haben, sich wechselnden Umständen anpassen, ohne von ihnen gebrochen zu werden.«

Sennett versäumt es jedoch nicht, darauf hinzuweisen, dass die Verwirklichung der Flexibilität im Alltag kapitalistischer Gesellschaften die Menschen vor allem verbiegt und beugt. Die Menschen werden genötigt, eine chamäleonartige Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit hervorzubringen und sich psychisch und mental ständig neu zu orientieren. Menschen, ahnte bereits Friedrich Nietzsche, »die ihren Mantel nach jedem Wind hängen«, laufen Gefahr, schließlich »selbst zu diesem Mantel« zu werden. Am geschmeidigsten sind Menschen ohne stabile Identität. Die Umbrüche, deren Anfänge John Steinbeck Anfang der 1960er Jahre erlebte, dauern bis heute fort und bilden den diffusen Stimmungshintergrund für den Aufstieg des rechten »Populismus« – nicht nur in den USA. Er wird von Menschen getragen, die sich an ihren Wohn- und Arbeitsort gebunden fühlen und in einer sich wandelnden Welt Furcht vor ihrer Entwurzelung haben. Ihren Gegenpol bilden gewisse »weltoffene« städtische Schichten, die ihre Entwurzelung längst hinter sich haben und über fluide und transportable Identitäten verfügen.

Weiter ging die Reise entlang der kanadischen Grenze Richtung Pazifikküste. Steinbeck unternimmt einen Abstecher nach Sauk Centre, um Sinclair Lewis seine Reverenz zu erweisen. Er hörte vom Auftritt Nikita Chruschtschows vor der UN-Vollversammlung. Während einer Debatte über die Entkolonialisierung zog ein philippinischer Delegierter seinen Zorn auf sich. Er beschimpfte diesen Mann als »Speichellecker, Fatzke und Imperialistenknecht«, zog einen Schuh aus und schlug damit wohl aufs Rednerpult. Im Gespräch mit einem Ladenbesitzer stellte Steinbeck fest: Alle schimpften auf »die Russen«, zogen über sie her, gaben ihnen die Schuld an diesem und jenem. »Kennt hier jemand Russen?« fragte er. Nun lachte sein Gegenüber: »Natürlich nicht. Deshalb sind sie so unbezahlbar.« »Sie glauben also, wir brauchen die Russen nur als Ventil?« Er antwortete: »Ein Mann streitet sich mir seiner Frau und gibt den Russen die Schuld. Möglicherweise brauchen alle Leute die Russen. Ich wette, sogar in Russland braucht man die Russen. Nur nennt man sie dort vielleicht Amerikaner.«

Steinbeck näherte sich der Pazifikküste. Seattle erkannte er nicht wieder, seit er dort zum letzten Mal gewesen war. Der Verkehr war mörderisch, der Lärm infernalisch; nichts war mehr an seinem Platz, Abfallberge türmten sich auf, gelber Rauch umfing die Stadt. »Überall war hektisches Wachstum, ein krebsartiges Wuchern. … Ich frage mich oft, weshalb der Fortschritt so sehr der Zerstörung ähnelt.« Im Süden Oregons bestaunten Herr und Hund gigantische Mammutbäume, die wie Botschafter einer anderen Zeit anmuteten. Steinbeck erinnerte sich daran, dass in seiner alten Heimat Kalifornien eines Tages ein Fremder auftauchte, einen Mammuthain kaufte und die Bäume fällen ließ, um ihr Holz zu verkaufen. »Entsetzen und bebender Zorn füllten die Stadt. Das war nicht nur Mord, das war ein Sakrileg. Wir sahen den Mann mit Ekel an, und er war bis an sein Ende gekennzeichnet.« Es existierten um diese Zeit offenbar noch Reste einer moralischen Ökonomie, die der Jagd nach Profit Grenzen setzte und bestimmte Praktiken mit einem Tabu belegte.

Das Kalifornien, das er auf seiner Rundreise antraf, hatte mit dem seiner Kindheit und Jugend nichts mehr gemein. Auch hier war alles von der Furie des Verschwindens erfasst, und die Menschen büßten ihre ontologischen Sicherheiten ein. Er war schockiert über das Ausmaß der Zerstörung und den touristischen Rummel und war froh, in die Mojave-Wüste eintauchen zu können, »ein großes, geheimnisumwobenes Ödland«. Es schien ihm ein Ort, der noch nicht vom parasitären Menschen befallen war. Aus diesem Grund hielt er es für möglich, dass die Wüste zum letzten »Bollwerk des Lebens gegen das Nichtleben« werden könne. Wenn es der Menschheit gelungen sei, durch ihr Festhalten an einem ruinösen Fortschrittsprinzip den Planeten zu zerstören und sich selbst auszulöschen, könne »die Wüste die raue Mutter der Wiederbelebung« werden. Ein Gedanke von erschreckender Aktualität.

Der Horror des Rassismus

Nach einem Zwischenstopp in Texas, wo er ein dichtes Netz verwandtschaftlicher Beziehungen hatte, blieb nur noch der restliche Süden, dem er mit Furcht, ja »mit Horror« entgegensah. Hier waren der Rassismus und die aus ihm erwachsende Gewalt noch immer endemisch. Unterwegs hörte er von dem Urteil eines Gerichts in New Orleans, das schwarzen Kindern den Besuch von Schulen erlaubte, die bis dahin ausschließlich weißen Kindern vorbehalten waren. Das Urteil war für viele Weiße ein Skandal und löste wütende Proteste aus. Vor den fraglichen Schulen versammelte sich jeden Morgen ein Mob, der den Kindern Schmähungen zurief und sie heftig bedrohte. Steinbeck, dem jede Form von Gewalt gegen Schwache und Außenseiter zuwider war, beschloss, hinzufahren und sich das anzusehen. Dass er sich dem Epizentrum des Rassismus näherte, merkte er auch daran, dass immer häufiger Leute über Charley sagten: »Ach, das ist ja ein Hund! Ich dachte schon, Sie hätten ’nen Nigger dabei.« Alle sagten hier »Nigger«, das sie wie »Niggah« aussprachen. Wer »Neger« sagte, setzte sich dem Verdacht aus, ein »Niggerfreund« zu sein. Er ließ sein Auto mit dem verdächtigen New Yorker Kennzeichen in den Außenbezirken stehen und näherte sich dem Geschehen mit einem Taxi. Der Fahrer ahnte, wohin er wollte, und begann, auf die New Yorker Juden zu schimpfen. Was denn die Juden damit zu tun hätten, fragte Steinbeck. Sie »hetzen die Nigger auf«, antwortete der Taxifahrer, »die sollten in New York bleiben. Dann gäb’s keine Scherereien. Man sollte sie hinters Haus holen.« »Sie meinen lynchen?« »Nichts anderes, Mister.« Steinbeck stieg aus und ging zu Fuß weiter.

Vor der Schule hatten Polizisten hölzerne Barrieren aufgestellt, um die Menge zurückzuhalten. U. S. Marshals patrouillierten vor dem Eingang. Unter ihren langen Mänteln zeichneten sich Gewehre ab. Es herrschte eine Spannung wie vor einer Theateraufführung oder dem Beginn eines Sportereignisses. Es gab sogenannte Vorschreierinnen, »gedrungene weiße Frauen mittleren Alters« mit durchdringenden, kreischenden Stimmen, die rassistische Parolen brüllten. Als zwei schwarze Wagen vorfuhren, kochte die Menge. Steinbeck musste an einen Hexensabbat denken. Aus jedem Wagen stiegen vier große Marshals. »Sie brachten aus einem der Autos das kleinste Negermädchen zum Vorschein, das man je gesehen hat, in blendendes, gestärktes Weiß gekleidet, mit neuen, weißen Schuhen, die so klein waren, dass sie fast rund wirkten.« Unter üblen Beschimpfungen geleiteten die Justizbeamten das Kind zum Schuleingang. Beinahe noch wütender empfing die Menge einen weißen Mann, der es wagte, sein weißes Kind zur Schule zu bringen, obwohl diese von allen anderen weißen Eltern und den meisten Lehrern boykottiert wurde. Als es nichts mehr zu sehen und zu beschimpfen gab, zerstreute sich die Menge langsam. Bis zum nächsten Morgen, wenn sich das alles wiederholen würde. Das kleine Mädchen hieß Ruby Bridges. Man kann ihre Geschichte bei Wikipedia nachlesen, wo man auch ein Foto findet, das sie mit ihren Leibwächtern beim Verlassen der Schule zeigt.

Steinbeck war erschüttert. Es gab, wie er wusste, im Süden der Vereinigten Staaten auch besonnene und freundliche Menschen, und er fragte sich, wo sie waren, »diejenigen, deren Arme sich danach sehnten, den kleinen Wurm an sich zu drücken«. Eine Frage, die wir uns heute auch stellen, wenn wir von Neonaziaufmärschen und Angriffen auf Juden und Migranten hören. Steinbeck antwortete sich selbst: »Ich weiß nicht, wo sie waren. Vielleicht fühlten sie sich so hilflos wie ich. Aber sie ließen es zu, dass New Orleans vor der Welt von den Falschen repräsentiert wurde.« Rassisten und Faschisten schließen sich zu Jagd- und Hetzmeuten zusammen, während die anständigen Leute in ihrer bürgerlichen Normalität verharren und als vereinzelte einzelne der Gewalt ohnmächtig zuschauen.

Steinbeck verließ fluchtartig die Stadt. Verzweifelt beschloss er, die Reise abzubrechen. »Ich wollte weg von hier – vielleicht war es Feigheit, aber noch feiger wäre es, sie zu leugnen.« Er war beinahe drei Monate unterwegs gewesen, hatte rund 10.000 Meilen zurückgelegt, nun wollte er auf dem schnellsten Weg nach Hause – zu seiner Frau, in sein Haus, in seine Straße, in sein Bett. Nachdem er sich von den Strapazen der Reise erholt hatte, schrieb er seinen Reisebericht. 1962, im Jahr seines Erscheinens, erhielt er den Nobelpreis für Literatur. 1968 starb John Steinbeck im Alter von 66 Jahren in New York.

Götz Eisenberg ist ­Sozialwissenschaftler und Publizist. Er war über drei Jahrzehnte als Gefängnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug tätig. Seit Jahren arbeitet an einer »Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus«, deren dritter Band unter dem Titel »Zwischen Anarchismus und Populismus« 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski in Gießen erschienen ist.

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