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Aus: Ausgabe vom 18.12.2019, Seite 15 / Antifa
Kontinuitäten in der jungen BRD

Erste LKA-Chefs waren Naziverbrecher

Nordrhein-Westfalen: Kriminalamt präsentiert Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie
Von Kristian Stemmler
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Erschrocken über Naziseilschaften: Landesinnenminister Herbert Reul (CDU) am Montag in Düsseldorf

Dass nach 1945 bei der Polizei ebenso wie bei Bundeswehr und Justiz viele alte Nazis Unterschlupf fanden, sollte heute niemanden mehr überraschen. Meist dauerte es Jahrzehnte, bis sich Behörden dieser Tatsache gestellt haben, etwa im Fall des Landeskriminalamts (LKA) Nordrhein-Westfalen. Am Montag hat das LKA in Düsseldorf die Ergebnisse einer Untersuchung des Polizeihistorikers Martin Hölzl aus Münster präsentiert, der im Auftrag des Amtes die Vorgeschichte der ersten sechs LKA-Chefs untersucht hat.

Hölzl, der für die Studie in deutschen, niederländischen, polnischen und dänischen Archiven geforscht hatte, fand heraus, dass die ersten vier Chefs des LKA sämtlich in schwere Kriegsverbrechen verwickelt waren. Der erste Leiter der 1946 gegründeten Behörde, Friedrich Karst, hatte am 13. April 1945 an einer Massenerschießung in Langenfeld teilgenommen. 71 Gefangene aus Haftanstalten wurden damals in einer Schlucht südlich von Düsseldorf ermordet. In einem Ermittlungsverfahren räumte Karst 1948 ein, Gefangene in die Nähe des bereits ausgehobenen Massengrabs geführt und geholfen zu haben, dieses zuzuschaufeln. Das Verfahren wurde eingestellt, Karst geschasst. Er konnte aber als Stellvertreter seines Nachfolgers als Behördenchef, Friedrich D’heil, weitermachen.

D’heil, der das LKA von 1948 bis 1958 führte, war 1940 Leiter der Kriminalpolizei in Lodz im besetzten Polen gewesen. In dieser Funktion hatte er eine »Sonderanweisung für den Verkehr mit dem Ghetto« abgezeichnet, die Schutz- und Kriminalpolizisten zum sofortigen Schusswaffengebrauch gegen Juden aufforderte, die dem Ghetto »Litzmannstadt« zu entkommen suchten. Auch an der Ermordung des dänischen Widerstandskämpfers und Pastors Kaj Munk 1944 war er nach den Ergebnissen der Studie beteiligt. Als LKA-Chef verhalf er mindestens drei Nazitätern zurück in den Polizeidienst.

Oskar Wensky, von 1959 bis 1964 LKA-Präsident, war ab 1940 zunächst stellvertretender Leiter, dann Chef der deutschen Kriminalpolizei in den besetzten Niederlanden gewesen. Im NRW-Innenministerium galt er als unbelastet, obwohl er in internationalen Fahndungslisten als Kriegsverbrecher gesucht worden war. »Wensky war mit Sicherheit an der Verfolgung der Sinti und Roma in den Niederlanden beteiligt«, sagte Hölzl bei der Vorstellung der Untersuchung. Dies sei eine Aufgabe der Kriminalpolizei gewesen. Unter Wenskys Verantwortung fanden in den Niederlanden auch Razzien gegen Homosexuelle statt. Als »Sachverständiger« sprach er sich in der BRD gegen die Abschaffung des Paragraphen 175 aus, der Homosexualität unter Strafe stellte.

Günter Grasner, der als Wenskys Nachfolger bis 1969 das LKA führte, war im besetzten Belgien bei der Geheimen Feldpolizei gewesen, von Historikern »Gestapo der Wehrmacht« genannt. Der belgische Staat hatte ihn wegen Zugehörigkeit zu dieser berüchtigten Einheit zeitweise wegen Mordes als Kriegsverbrecher gesucht. 1942 wurde er in die Sowjetunion abkommandiert. Die Geheime Feldpolizei sei dort an der Erschießung von 21.000 als »Partisanen« bezeichneten Menschen beteiligt gewesen, so Hölzl. »Die Verantwortung ist klar gegeben, selbst wenn ich nicht nachweisen kann, dass Grasner selber geschossen hat.«

Nach Kriegsende hätten Polizisten von der Legende profitiert, dass die Kriminalpolizei in der Nazizeit im Gegensatz zur Gestapo vergleichsweise »sauber« geblieben sei, erklärte der Historiker. Dabei habe sie »bei der Beteiligung an Verbrechen in nichts nachgestanden«. Der aktuelle LKA-Chef Frank Hoever zeigte sich »sehr erschüttert«, dass bis ins Jahr 1969 Männer an der Spitze des LKA gestanden hätten, die »eine echte NS-Vergangenheit« hatten. »Wir würden heute bei einer deutlich geringeren Verdachtslage in die Ermittlungen eintreten«, sagte er. Innenminister Herbert Reul (CDU) erklärte, das Ergebnis der Studie sei »umso erschreckender, als die Genannten in ihrem Amt teilweise eine Seilschaft aus der NS-Zeit pflegten«. »Aus heutiger Sicht hätten sie niemals mehr als Polizisten arbeiten dürfen«, urteilte Reul.

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