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Aus: Ausgabe vom 18.12.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Flugzeugbauer

Radikaler Schritt

Boeing stellt die Produktion des Unglücksfliegers »737 Max« ein. Airbus profitiert
Von Steffen Stierle
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Auch der Reisekonzern TUI leidet unter dem Boeing-Lieferstopp

Im April hatte der US-amerikanische Flugzeugbauer Boeing die Produktion der Unglücksmaschine »737 Max« bereits von 52 auf 42 Stück im Monat gedrosselt. Zum Jahreswechsel wird die Herstellung vorläufig komplett eingestellt, wie die Konzernführung am Dienstag mitteilte. Ein radikaler Schritt, der nicht überraschend kommt. Schließlich fertigt Boeing das Modell seit Monaten auf Halde, weil es infolge zweier Abstürze im Oktober 2018 und im März 2019 nicht mehr abgenommen wird. Zwar haben mehrere Airlines 737-Max-Maschinen bestellt. Doch einerseits wurden weltweit Startverbote verhängt, und andererseits untersagte die US-Luftfahrtaufsicht Federal Aviation Administration (FAA) bis auf weiteres die Auslieferung.

Noch im November hatte Boeing angekündigt, dass das Auslieferungsverbot bis Jahresende aufgehoben werden könne. Doch diesem Ansinnen erteilte FAA-Chef Stephen Dickson eine klare Absage. Das Verhältnis zwischen Boeing und der Aufsichtsbehörde ist offenbar angespannt. Zuletzt verbat sich Dickson Statements seitens des Konzerns, die dazu angetan seien, im Wiederzulassungsverfahren Druck auf seine Behörde auszuüben. Knackpunkt in dem Verfahren ist offenbar das eigens für die »737 Max« entwickelte Steuerungsprogramm MCAS. Dieses soll bei den Abstürzen in Indonesien und Äthiopien, bei denen insgesamt 346 Menschen ums Leben kamen, eine zentrale Rolle gespielt haben. Wie lange sich das Zulassungsverfahren hinziehen wird, ist nun vollkommen unklar. In der Mitteilung des Konzerns vom Dienstag wurden lediglich weitere »Finanzinformationen bezüglich des Produktionsstopps« für Ende Januar angekündigt.

Bereits rund 400 in den vergangenen Monaten montierte Maschinen hat Boeing zwischengelagert. Als sichtbares Symbol der Krise taugt der Mitarbeiterparkplatz am 737-Hauptwerk in Renton bei Seattle. Autos haben dort längst keinen Platz mehr. Der Produktionsstopp war angesichts der fehlenden Perspektive auf eine Aufhebung des Auslieferungsverbots offenbar nicht zu vermeiden. Doch damit geht die Boeing-Krise in die nächste Runde. Schließlich bedeutet eine Fabrik ohne Produktion Betriebskosten, denen keine Profite gegenüberstehen. Stellenstreichungen sind laut Konzernmitteilung aufgrund des Fertigungsstopps zunächst nicht vorgesehen. In Renton sind 12.000 Mitarbeiter beschäftigt. Weltweit sind es mehr als 150.000.

Besonders schmerzhaft für den Konzern aus Chicago ist dabei, dass es sich bei der »737 Max« um den Bestseller handelt. Bis zu den Abstürzen trug der Verkauf dieses Modells zuverlässig zur Profitsteigerung des Gesamtkonzerns bei. Entsprechend wurde das Jahr 2019 wirtschaftlich zur Katastrophe: Nachdem im zweiten Quartal ein Verlust von 2,9 Milliarden US-Dollar (2,6 Milliarden Euro) verzeichnet worden war, erreichte der Gewinn im dritten Quartal mit 1,2 Milliarden US-Dollar lediglich die Hälfte des Werts vom Vorjahreszeitraum.

Aufgrund der großen Bedeutung des Unternehmens trifft die Krise auch die US-Wirtschaft insgesamt. Einer im August veröffentlichten Studie des Thinktanks »Capital Economics« zufolge drücken die Startverbote das Wirtschaftswachstum, auf das Jahr hochgerechnet, um 0,25 Prozentpunkte. Diese Berechnung beruhte auf der Drosselung der Produktion im April. Ferner hieß es, dass ein weiterer Produktionsrückgang im Jahresverlauf den Schaden für die US-Wirtschaft zusätzlich vergrößern könnte.

Größter Profiteur der Boeing-Krise ist und bleibt der direkte Konkurrent Airbus, der im laufenden Jahr erstmals mehr Flugzeuge auslieferte als das US-Unternehmen. Die beiden Konzerne bilden ein weltweites Duopol für Großraumflugzeuge. Der europäische Luftfahrt- und Rüstungskonzern mit Sitz im französischen Toulouse konnte seinen Gewinn im ersten Halbjahr mehr als verdoppeln. Zwar sprang US-Präsident Donald Trump Boeing im Oktober bei und verhängte einen zehnprozentigen Strafzoll auf Flugzeugimporte aus der EU. Begründet wurde der Schritt mit staatlichen Beihilfen für Airbus, die mit den Regeln der Welthandelsorganisation nicht kompatibel seien. Dennoch verliert Boeing auch in den USA immer mehr Abnehmer an den Konkurrenten. Zuletzt verkündete Anfang Dezember der Großkunde United Airlines, 50 Langstreckenflugzeuge in Toulouse bestellen zu wollen.

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