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Aus: Ausgabe vom 14.12.2019, Seite 11 / Feuilleton
Antifaschismus

Sie wird gebraucht

Esther Bejarano zum 95. Geburtstag
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Menschliche Größe: Esther Bejarano

In einer Zeit, in der »wieder Naziparolen gebrüllt«, »Synagogen angegriffen« und »Menschen durch die Straßen gejagt« werden, einer Vereinigung von Überlebenden der Naziverbrechen die Gemeinnützigkeit abzuerkennen, sei eine »unsägliche« Entscheidung, schrieb Esther Bejarano Ende November in einem offenen Brief an Bundesfinanzminister Scholz. »Das Haus brennt – und Sie sperren die Feuerwehr aus!« Es könne wohl kaum etwas gemeinnütziger sein als der Kampf der 1947 gegründeten »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten« (VVN–BdA), deren Ehrenvorsitzende Bejarano seit 2008 ist.

Seitdem sie 1978 erstmals in ihrer Nachbarschaft einem Informationsstand der NPD begegnete, engagiert sie sich in dem Verband. Sie weiß genau, was Faschismus bedeutet: Die Nazis ermordeten ihre Familie, sie selbst musste als 18jährige im Vernichtungslager Auschwitz Steine schleppen. Sie hätte wohl kaum überlebt, wäre sie nicht dem »Mädchenorchester« zugeteilt worden. Ihr Interesse an der Musik hatte ihr Vater, jüdischer Kantor in Saarbrücken und Ulm, früh gefördert. Es sollte ihr das Leben retten. Verlegt ins KZ Ravensbrück, gelang ihr schließlich auf einem der Todesmärsche die Flucht.

Nach der Befreiung ging sie wie viele Juden nach Palästina, wo sie – ihrer Passion treu bleibend – Gesang studierte und sich einem Arbeiterchor anschloss. Dort heiratete sie Nissim Bejarano, gründete eine Familie. Wegen der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern verließen sie das Land, dem sie in zwei Kriegen gedient hatten, und ließen sich 1960 in Hamburg nieder. »Welch menschlicher Größe bedarf es, die moralische Konsequenz aus der eigenen Leiderfahrung zu ziehen und den Kampf um eine Welt anzutreten, die (…) menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen trachtet«, schreibt Moshe Zuckermann in einem Glückwunsch in der aktuellen Melodie & Rhythmus. Esther Bejarano hat diesen Kampf niemals aufgegeben und erhebt ihre Stimme weiterhin, als Sängerin und Antifaschistin. Am Sonntag wird sie 95 Jahre alt – und dringend gebraucht. (jW)

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