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Aus: Ausgabe vom 16.12.2019, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Wem gehört die Welt?

Bertolt Brechts »Der kaukasische Kreidekreis« an der Berliner Schaubühne
Von Jakob Hayner
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»Insgesamt vergnüglich« (Szenenfoto)

Bertolt Brechts »Der kaukasische Kreidekreis« schildert nicht die Revolution, sondern ihre Vorgeschichte. In den Fabriken der Vorstädte bricht eine Revolte aus, im Zentrum der Macht darauf Panik, die auch Angestellte wie Grusche ergreift. Ein paar Gouverneure und Richter verlieren ihren Kopf, ein versoffener Clochard wie Azdak wird Richter, am Ende kehrt der Großfürst mit einer Armee zurück. Zuvor aber gibt es noch einen Richtspruch, der Azdak und Grusche verbindet. Ihr wird vor Gericht das von der Herrin zurückgelassene Kind zugesprochen, das sie aufgezogen hat.

Nach Brecht ist die Lehre des mit einigen dramatischen Wendungen versehenen Geschehens, »dass da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind«. Wie das zu bewerkstelligen sei, wird in dem Stück gar nicht erörtert. Zunächst geht es um die Frage, wer ein Anrecht auf die Welt hat, wie die Studenten der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, mit denen Regisseur Peter Kleinert das Stück im Studio der Berliner Schaubühne einstudiert hat, den »Genossinnen und Genossen Publikum« erklären. Die wiederum dürften mit der Lehre vertraut sein. Die Häuser denen, die drin wohnen, so schallt es heute immer öfter durch die Straßen.

Lotte Schubert gibt die Grusche als Frau aus dem einfachen Volke mit Herz am rechten Fleck. Das ist, wie die Rolle es erfordert, wenig spektakulär. Die großen Auftritte sind ihrer von Malaya Stern Takeda verkörperten Gegenspielerin Natella Abaschwili vorbehalten, die auf glitzernden Highheels und in pinken Pelz gehüllt auch vom Kostüm (Arianna Fantin) bevorteilt ist. Zur anarchischen Lederjackenfraktion gehört hingegen der von Alexander Wertmann amüsant gespielte strubbelköpfige Azdak. Die drei agieren mit ihren Kommilitonen auf der mit weißen Stoffstreifen ausgestatteten Bühne (Céline Demars). Als Band spielen sie unter Leitung von Hans-Jürgen Osmers die Musik von Paul Dessau in neuen Arrangements ein, Synthiesound und HipHop-Elemente inbegriffen.

Mancher übertrieben wirkende Selbstkommentar, manche eher unbeholfen durch Dialekt gestützte Rolle sind an einem Abend von Schauspielern in Ausbildung durchaus verzeihlich, zudem es insgesamt vergnüglich bleibt – ohne auf die Akzentuierung des Politischen zu verzichten. Wie es um die Revolution steht, ist dann den Genossen Publikum überantwortet.

Nächste Aufführungen: 27. bis 30. Dezember

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