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Aus: Ausgabe vom 16.12.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Bodenschätze

Rohstoff für Rüstungsindustrie

Wettlauf um Ausbeutung »seltener Erden« nimmt Fahrt auf. Washington will sich Zugriff in Australien vor China sichern
Von Jörg Kronauer
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Ein Arbeiter bei der Ausbeutung seltener Erden im chinesischen Nancheng (20.10.2010)

Steht Australien vor einem neuen Bergbauboom? Diese Frage stellen zur Zeit manche Medien des Landes. Die Ursache: Die Vereinigten Staaten ergreifen Maßnahmen, um bei ihrer Versorgung mit sogenannten seltenen Erden von China unabhängig zu werden. Dabei haben sie neben ihren eigenen Reserven besonders die Bodenschätze Australiens im Visier.

Seltene Erden: Das sind 17 metallische Elemente, die die Industrie für die Herstellung zahlreicher wichtiger Produkte benötigt – für Elektromotoren etwa, für Smartphones, für Windkraftanlagen, für Laser. Auch die Rüstungsindustrie ist auf sie angewiesen. Zum Beispiel benötige jeder US-Kampfjet des Typs »F-35« rund 250 Kilogramm seltene Erden, zitierte unlängst der Sydney Morning Herald einen Experten. US-Waffenschmieden verwendeten die metallischen Rohstoffe für vielerlei weiteres Kriegsgerät, so für Marineschiffe oder für gelenkte Bomben. Hauptlieferant in puncto seltene Erden ist weltweit – auch für die USA – China. Das Land verfügt laut Schätzungen des U. S. Geological Survey über fast 37 Prozent der globalen Reserven und hat seit den 1980er Jahren die Förderung und die aufwendige Weiterverarbeitung der Rohstoffe systematisch ausgebaut. Es ist der Volksrepublik letzten Endes gelungen, die Konkurrenz beinahe vollständig zu verdrängen. Im Jahr 2010 kamen Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) zufolge 97,6 Prozent der weltweit produzierten seltenen Erden aus China.

2010 kam es zu einer ersten Wende, nachdem Beijing die Exportquoten für seltene Erden drastisch gekürzt hatte – nach eigenen Angaben, um die dramatischen Umweltschäden bei ihrem Abbau zu reduzieren – und der Weltmarktpreis der Rohstoffe deshalb empfindlich in die Höhe geschnellt war. Die Regierung von US-Präsident Barack Obama sprach von einem »Weckruf«. In einem Versuch, sich von China unabhängig zu machen, nahmen die USA unter anderem den Abbau in der Mountain-Pass-Mine in Kalifornien, der größten Seltene-Erden-Lieferantin in der Zeit des Kalten Kriegs, wieder auf. Auch andere Länder, so etwa Australien und Brasilien, stiegen in die Förderung seltener Erden ein. Im Jahr 2017 wurde der chinesische Anteil an der globalen Förderung noch mit gut 85 Prozent beziffert. Dann aber legte die Regierung von Donald Trump los. Im Dezember 2017 erließ der US-Präsident ein Dekret, das darauf abzielte, die »Verwundbarkeit« der Vereinigten Staaten beim Bezug »kritischer Mineralien« zu stoppen. Nach umfassenden Vorarbeiten, befeuert durch die chinesische Drohung, im Wirtschaftskrieg mit den USA notfalls Exportschranken bei den seltenen Erden als Handelswaffe zu nutzen, legte das US-Handelsministerium im Juni Vorschläge zur Erreichung einer möglichst umfassenden Unabhängigkeit bei der Versorgung mit mineralischen Rohstoffen vor. Einer davon lautete, in Zukunft mehr Ressourcen bei verbündeten Staaten zu kaufen.

Davon dürfte nun Australien profitieren. Das Land verfügt mit der Mount-Weld-Mine, die von der einheimischen Lynas Corporation ausgebeutet wird, über die größte Lagerstätte seltener Erden außerhalb Chinas. Freilich ist auch Lynas von China abhängig: Das Unternehmen lässt – wie die US-amerikanische Firma MP Materials, die in Mountain Pass seltene Erden abbaut – die verschmolzenen Mineralien, die es aus der Erde holt, letztlich in der Volksrepublik in ihre einzelnen Bestandteile trennen, weil chinesische Firmen über die beste und kostengünstigste Technologie dafür verfügen. Bereits im Mai hat Lynas angekündigt, gemeinsam mit der Blue Line Corporation aus San Antonio (Texas) eine eigene Fabrik zu errichten, um die Zerlegung des Mineraliengemischs künftig selbst durchzuführen. Auch MP Materials plant dazu inzwischen ein eigenes Werk. Beijing hat auf die Kampfansage reagiert. So hat es 25prozentige Strafzölle auf den Import von seltenen Erden zur Weiterverarbeitung nach China verhängt und die eigenen Exporte enorm gesteigert.

Auf US-Seite springt nun das Militär ein. Die Streitkräfte werden, wie vergangene Woche bekannt wurde, große Summen in die Hand nehmen, um die Versorgung des Landes mit seltenen Erden zu sichern. Mindestens ein, wahrscheinlich mehrere Seltene-Erden-Projekte sollen in Höhe von bis zu zwei Dritteln der Kosten gefördert werden, darunter mutmaßlich die geplante Lynas-Fabrik in Texas. Hinzu kommt, dass Washington und Canberra am 20. November eine Vereinbarung getroffen haben, in puncto »kritischer Mineralien« und vor allem bei den seltenen Erden eng zu kooperieren. Die USA müssten »ihre Abhängigkeit von seltenen Erden aus China bis zum Haushaltsjahr 2035 beseitigen«, heißt es ausdrücklich in dem neuen Gesetz zum Militärhaushalt (National Defense Authorization Act, NDAA), das kürzlich vom Repräsentantenhaus verabschiedet wurde. Dabei ist Australien quasi ein natürlicher Verbündeter. Das Land hat sich in der jüngeren Vergangenheit als erbitterter Gegner Chinas hervorgetan, hat ein Gesetz verabschiedet, das angebliche chinesische Einflussnahme unter Strafe stellt, und ist beim Ausschluss von Huawei vorangeprescht. Das passt; denn wozu macht man sich bei strategischen Rohstoffen unabhängig? Genau: Um einen Konflikt nach Belieben eskalieren lassen zu können.

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