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Aus: Ausgabe vom 16.12.2019, Seite 5 / Inland
Logistik

Alles für die Tonne

Post- und Paketdienste in Deutschland: Miese Löhne, höchster Krankenstand und massenhaft Müll
Von Ralf Wurzbacher
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Ausbeutung an der Tagesordnung: Fast ein Drittel der Beschäftigten arbeitet in »atypischen« Verhältnissen

Kaum irgendwo sonst auf der Welt werden mehr Pakete verschickt als in Deutschland. Gemäß einer McKinsey-Studie vom Juni sind es pro Kopf 24 im Jahr. Mit 21 liegen sogar die USA dahinter, und allein Shanghai und Beijing (nicht ganz China) bringen es mit 70 Sendungen auf mehr. Doch der Wahnsinn kennt kein Ende. Wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag vermeldete, hat der Umsatz im hiesigen Onlinehandel in den ersten drei Quartalen des laufenden Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast neun Prozent auf 64,1 Milliarden Euro zugelegt. Von 2010 bis 2017 stieg die Bruttowertschöpfung der Post-, Kurier- und Expressdienste um satte 28 Prozent auf 17 Milliarden Euro, und vor zwei Jahren setzte die Branche mit 41 Milliarden Euro sechs Prozent mehr um als 2016.

Was Manager, Anleger und Kunden freut, müssen die Beschäftigten derweil mit Stress, Krankheit und mieser Bezahlung ausbaden. Nach den Zahlen aus Wiesbaden verdienten Postboten und Paketkuriere in Vollzeit 2018 mit im Schnitt 2.826 Euro brutto im Monat gut 1.000 Euro weniger, als in vergleichbaren Berufen im produzierenden und im Dienstleistungsgewerbe an Geld herausspringt (3.880 Euro). Dort erhöhten sich die Bruttomonatsverdienste seit 2010 um über 22 Prozent, während es bei Logistikern wie Deutsche Post, DHL, Hermes, DPD und UPS lediglich 14,5 Prozent waren. Von ihren insgesamt über 500.000 Mitarbeitern befinden sich 32 Prozent in »atypischen« Arbeitsverhältnissen, als befristet oder in Teilzeit Beschäftigte, Minijobber oder Zeitarbeiter. Branchenübergreifend beträgt der Anteil der prekären Jobs hingegen nur 20 Prozent. Zwei Drittel aller Beschäftigten (63 Prozent) sind dabei auch am Wochenende und an Feiertagen im Einsatz. Über alle Branchen hinweg liegt der Wert bei nur 37 Prozent.

Das alles schlägt sich natürlich auch auf die Gesundheit nieder. Der Landesverband Berlin/Brandenburg der Barmer Ersatzkasse wies am Dienstag in einer Pressemitteilung darauf hin, dass Paketzusteller »weit häufiger und länger krankgeschrieben« seien als Angehörige anderer Berufsgruppen. Das geht aus dem aktuellen Gesundheitsreport der Krankenkasse hervor. Demnach entfielen auf Mitarbeiter von Post- und Zustelldiensten im vergangenen Jahr 34,6 Krankheitstage je Person. Über alle anderen Berufsgruppen hinweg waren es lediglich 19,8 Tage. »Zeitdruck, Stress im Straßenverkehr und wechselnde Witterungsbedingungen« könnten besonders anfällig für Erkrankungen machen, erklärte Barmer-Landesgeschäftsführerin Ga­briela Leyh. Dazu käme die erhöhte Ansteckungsgefahr durch den täglichen direkten Kundenkontakt.

Auch was die Länge der Fehlzeiten angeht, sind Post- und Paketzusteller »spitze«: 2018 dauerte eine Krankschreibung im Mittel 22,5 Tage, im Vergleich zu 15,1 Tagen aller Wirtschaftszweige. Von 1.000 Beschäftigten der Branche fehlten im Vorjahr täglich 95 krankheitsbedingt. Der Krankenstand war damit fast doppelt so hoch wie im Durchschnitt (5,4 Prozent). Laut Leyh liegt das an den besonderen körperlichen Anforderungen der Tätigkeit. So könne eine Bürotätigkeit auch mit einer leichten Fußverletzung ausgeführt werden, während ein Briefträger damit länger arbeitsunfähig ist.

Laut Statistischem Bundesamt wird die Branche von »wenigen großen, umsatzstarken Unternehmen dominiert«. Allein die 30 stärksten erzielten 2017 einen Umsatz von fast 33 Milliarden Euro. Der große Rest der rund 14.500 Kleinanbieter schaffte es gerade einmal auf zwei Milliarden Euro. Entsprechend hoch ist die Fluktuation im Gewerbe. Von zehn Firmen ist 2017 eine gegründet und eine geschlossen worden – auch das ein Negativrekord. Eine weitere traurige »Bestmarke« haben die Deutschen in Sachen Verpackungsabfall inne. Im Schnitt brachte es jeder Einwohner im Vorjahr auf 101 Kilogramm Papier und Pappe, während der EU-Durchschnitt bei circa 70 Kilogramm lag. 2017 landeten hierzulande 7,8 Millionen Tonnen Papier, Pappe und Kartonagen auf dem Müll, 73 Prozent davon gingen auf das Konto privater Haushalte.