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Aus: Ausgabe vom 16.12.2019, Seite 2 / Ausland
Italien

»Sardinen« gegen Salvini

Von Gerhard Feldbauer
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In Italien hat die neue »Sardinen«-Bewegung gegen Rassismus am Sonnabend in Rom der faschistischen Lega eine entschiedene Abfuhr erteilt. Um eine Machtergreifung des Lega-Führers Matteo Salvini zu verhindern, versammelten sich auf der Piazza San Giovanni in Laterano nach Angaben der Veranstalter über 100.000 Menschen, berichtete die Nachrichtenagentur ANSA. Die Bewegung hatte sich am 14. November als Flashmob in Bologna gebildet, als Salvini dort eine Wahlkampfkundgebung hielt.

Auf der Piazza San Giovanni hatten sich im Oktober 200.000 Anhänger der Lega, unter ihnen die faschistischen Sturmtrupps Casa Pound und Forza Nuova, die in den Wochen vorher Sinti und Roma aus ihren Unterkünften vertrieben und gedroht hatten, sie zu »verbrennen«, zum Sturz der Regierung der Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) mit den Sozialdemokraten (PD) zusammengerottet. Danach formierte sich von der traditionellen »roten Hochburg« Bologna in der Region Emilia Romagna ausgehend die Bewegung, die sich nach den kleinen Fischen nennt, die im Schwarm auftreten. In Rom demonstrierten sie wieder ihr Motto: »Wo Salvini ist, sind auch wir«. Es sei gelungen, etwas »in der Wahrnehmung der Politik zu verändern«, erklärte der Sprecher der Sardinen, Mattia Santori, Sportlehrer aus Bologna, der die Manifestation als »ein kollektives, antifaschistisches und antirassistisches Ereignis« wertete.

Gekommen waren Menschen unterschiedlicher politischer oder weltanschaulicher Richtungen, unter ihnen viele Migranten. Katholische Straßenprediger standen neben Kommunisten und Sozialdemokraten oder Gewerkschaftern, darunter die langjährige CGIL-Vorsitzende Sussana Camusso. Anwesend waren die Präsidentin des Partisanenverbandes ANPI, Carla Nespolo, der EU-Parlamentarier, Arzt und Flüchlingshelfer aus Lampedusa, Pietro Bartolo, der bekannte Schriftsteller, Filmemacher und Theaterautor Erri de Luca. Er war in den 70er Jahren Mitglied der radikalen Linkengruppe »Lotta Continua« (Ständiger Kampf), die entschieden gegen die schon damals drohende faschistische Gefahr Widerstand leistete. Die als Patti Smith bekannte US-amerikanische Rocksängerin Patricia Lee übermittelte solidarische Grüße: »Sardinen, wir sind im Geiste mit euch«. Premier Giuseppe Conte würdigte, dass die Bewegung »im Namen der Verfassung und des Antifaschismus« Front macht gegen die »von Salvini geführte Rechte« und erklärte sich zu einem Treffen bereit. Da dürfte Conte laut ANSA unter anderem mit der Forderung Santoris konfrontiert werden, die »Sicherheitsverordnungen« Salvinis aufzuheben.

Die Bewegung will einen Sieg der Lega bei den Regionalwahlen in Reggio Emilia und Kalabrien am 26. Januar verhindern, der das Signal für den Sturz der Regierung mit den Sozialdemokraten in Rom geben soll. Die Sardinen treten nicht selbst an, wollen aber in Reggio Emilia Stefano Bonaccini, den die PD mit einem Mitte-Links-Bündnis aufgestellt hat, unterstützen. Dazu dürfte beigetragen haben, dass in der vergangenen Woche der M5S-Senator Ugo Grassi mit zwei weiteren Senatoren zur Lega übergelaufen ist und erklärte, dass er schon immer »viele politische Ziele der regierenden Partnerpartei (der Lega) geteilt« habe.

Nach der Kampfansage auf der Piazza San Giovanni könnte es möglich sein, dass die Sardinen den Ausgang der Wahl vor allem in Reggio Emilia zugunsten der Sozialdemokraten entscheiden. Der Mailänder Corriere della Sera brachte am Sonnabend jüngste Umfragen, die der PD einen »leichten Vorsprung« gegenüber der Lega voraussagen.

Am Sonntag traten dann 160 Aktivisten zu einer »Generalversammlung« zusammen, um, wie ANSA schrieb, zu entscheiden, wie es weitergehen soll. Auf der Veranstaltung (die bei jW-Redaktionsschluss noch andauerte) bekräftigte Santori, es gehe um keine Parteigründung und sie seien nicht zusammengekommen, um Führer zu wählen und Programme zu beschließen. Ihnen gehe es darum, »Vermittler zwischen Politik und Gesellschaft« zu sein.

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