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Aus: Ausgabe vom 14.12.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Barraquito

Von Hervé Cherbourg

»Hervé, ich glaube das Abspielgerät ist defekt. Können Sie mal nachsehen?« – »Gerne, Frau Wunder.« Meine Butlertätigkeit umfasst auch technischen Support. Der CD-Player ist intakt. Wir bewohnen ein Appartement in Tazacorte an der Westküste der kanarischen Insel La Palma. Es ist mit allem Komfort ausgestattet, einschließlich einer Sammlung von Klassik-CDs, die Frau Wunder ungnädig durchhört. »Die Musik ist so langsam, der Pianist muss eine Überdosis Tranquilizer genommen haben«, bemängelt sie. Ich dränge zum Aufbruch. »Sie haben heute Nachmittag eine Verabredung mit Ihrer deutschen Freundin.« – »Oh ja, natürlich, die Gute! Sie braucht uns. Ein Fiffi, Pippsi oder sonstwie ist entlaufen, ein sündhaft teures Rassevieh.«

Das kleine Anwesen der Freundin Ursula liegt in der Nähe von Tijarafe, an einem der wilden Barrancos, Abgründe, aus denen die grüne Vulkaninsel quasi besteht. Ursula kam als Hippieurlauberin in den 70ern hierher und ist geblieben. Für ihren Lebensunterhalt betreibt sie eine Hundepension mit fünf Zwingern. Aufgeregtes Gebell und Gestank von Hundekot schlagen uns entgegen, Millionen Fliegen umschwirren uns. »Die Damen erlauben, ich möchte so schnell wie möglich behilflich sein. Wohin ist das Hündchen entflohen?«, heuchle ich und eile Richtung Schlucht. Nur fort von diesem ekligen Freiluftstall. »Versuchen Sie es entlang des Flussbettes, Hervé!«, ruft mir die aufgelöste Ursula nach. »Es ist ein kleiner Cavalier King Charles Spaniel. Wenn ich Chéri nicht wiederfinde, bin ich ruiniert! Den zahlt mir keine Versicherung!« Ihre letzten Worte ersticken in verzweifeltem Schluchzen. Ich wandere im Zickzack bergab, pfeife und rufe: »Chééériii!« Ein Steinadler dreht seine Runden im wolkenfreien Himmel auf der Suche nach wehrlosen Kleintieren – Futter für seine piepsende Brut. Während ich ihm besorgt nachblicke, fühle ich eine feuchte Wärme an meinem linken Bein. Mir schwant es und richtig: Ein braun-weißes Fellknäuel pinkelt mir in den Schuh.

Den unverschämten Adelsköter im Arm klettere ich zurück ins Haus. Ursulas Nervenzusammenbruch verwandelt sich in ein hysterisch-befreites Lachen, und Frau Wunder empfängt uns mit einem vierfarbigen Kaffeegetränk, das mich für kurze Zeit vergessen lässt, wie angepisst ich bin:

Barraquito im Glas: Unten hinein kommen 30 ml süße Kondensmilch, darüber ein kräftiger Schuss »43« (spanischer Vanillelikör), darüber eine Tasse frischer Espresso, darüber Milchschaum bis zum Rand. Den »Gipfel« mit etwas Zimt bestäuben und einem kleinen Stück Zitronenschale dekorieren. Alle Zutaten sehr vorsichtig einschenken, damit sie sich nicht vermischen.

»Ursula, könntest du das mal auflegen?«, fragt Frau Wunder nach dem fünften Barraquito, einen davon hat sie umgeschmissen. »Ich glaube, die CD ist kaputt.« Es erklingen von Erik Satie die »Gymnopédies«, Klavierstücke, die narkotisch langsam gespielt werden müssen. Zwischen zwei Noten fällt Ursula der Kopf auf die Tischplatte, von der Chéri gerade den Milchschaum schlabbert. Frau Wunder beginnt zu schnarchen. Banausinnen! Ich werde kündigen.

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