Gegründet 1947 Dienstag, 21. Januar 2020, Nr. 17
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Aus: Ausgabe vom 14.12.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Betr.: Turmfalke

Eine kurze Korrespondenz mit Barbara Kalender (aus dem Background: Jörg Schröder)
Von Jürgen Roth
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Lieber Jürgen,

ich habe Dir ja schon von den Heckenbraunellen erzählt, die zu unserem Balkon fliegen, um zu trinken. Und der Rabe Ralf ist mein Freund seit 2016, er heißt so nach dem Morgenstern-Gedicht. Zuerst grüßte ich Ralf, wenn er auf seinem Ausguck saß: »Hallo Ralf!« Nach kurzer Zeit antwortete er: »Kräh! Kräh!« Im nächsten Frühjahr stolzierte er breitstelzig mit geschwellter Brust wie John Wayne auf dem Dach hin und her. Dann hatte die Nebelkrähe eine Nebelfrau. Sie begannen, trockene Brötchenbrocken in das Vogelwasser zu legen und sie erst zu holen, wenn sie weich waren. Bald darauf hatten wir drei Raben, die mit uns über den Dächern Berlins lebten. Sie wurden immer mutiger und flogen manchmal so nahe über meinem Kopf, dass ich sie hätte fangen können.

Leider hat sich jetzt ein Turmfalke in das Rabennest einquartiert und die Ralf-Familie vertrieben. Darüber bin ich traurig. Zwar habe ich »H wie Habicht« von Helen Macdonald mit Vergnügen gelesen, aber der Falke frisst jetzt meine Heckenbraunellen – täglich zwei Mäuse oder zwei Singvögel! Vor kurzem lag ein Flügel neben dem Wasserbad – sehr traurig!

Jörg hat natürlich daraufhin Tomayers Amselgedicht zitiert:

*

Im Garten scharrt die Amsel

Im schlichten Arbeitskleid

Vielleicht duad ihrem Fleiß ja

A fetta Wurm Bescheid

*

Die Amsel scharrt und schnabelt

Und spannt nicht wer da naht

Es ist die Katzendrecksau

Die wo sich naht ganz staad

*

Glei hat das blääde Luada

Die wo bloß frisst und scheißt

Die Sängerin am Wickel

I siehg scho wiases beißt

*

s wird gern drauf abgehoben

Dass dieses halt so ist

Dass in der Fastfuddkette

Der oa den andern frisst

*

Doch ich kann dies nicht dulden

I hoi mei Luftdruckgwahr

Und brenn der Katz oans über

Dass ’s moant sie is in Haar

*

Denn wer da an Gesang hot

Und net bloß scheißt und frisst

Dem bin i Freind und Helfer

I – der Amselleibgardist

*

[Aus: »Tomayers ehrliches Tagebuch«, Konkret 4/1998]

*

Daher die Frage an den Fachmann: Kann ich den Falken vertreiben?

Während ich Dir diese Mail schreibe, steht Jörg neben mir und sortiert auch Korrespondenz für die UB Leipzig. Er ordnet gerade das O, Deine Briefe sind also demnächst dran.

Herzliche Grüße, auch von Jörg,

Barbara

*

Liebe Barbara,

schönsten Dank für Deine Schilderungen! Sie rühren mich an, tatsächlich zutiefst. Und es ist schön und tröstlich zu wissen, in Dir und Jörg avifaunische Verbündete zu wissen (obwohl Jörg ja nicht mal den Kiebitz [er-]kennt und Bengt Bergs »Mein Freund, der Regenpfeifer« aus lebensgeschichtlichen Gründen verabscheut, der Schuft! Es war das erste Buch, das er als Bub geschenkt bekam, nicht wahr? Und er wurde hernach der bedeutendste Verleger der Bundesrepublik … Sollte einem das nicht zu »denken« geben?).

Ich schreibe Dir und Euch dies, nachdem hier just das erste Exemplar von »Unser Freund, der Kiebitz« (Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, 2019, jW) eingetroffen ist, ein Ausbund an buchhandwerklicher Pracht, feiner ist das kaum denkbar (und Ihr beide kommt auch drin vor, ich weiß ja, wie literaturbetriebliche Korruption funktioniert, ha!).

Du siehst, meine Laune ist gerade im Grunde »die beste« (Th. Bernhard), ungeachtet des ökologischen Horrors allerorten. Gestern lernte ich an der Trinkhalle einen Altlinken namens Gerd kennen, der, wie er sagte, resigniert hat und sich als Mauerseglerbeobachtungsspezialist entpuppte. So traf ich in diesem versaubeutelten, durch und durch verblödeten Frankfurt zum erstenmal einen Menschen, der – wie ich – registriert hat, dass die Luftgenossen heuer später denn je einrückten und früher als je zuvor wieder verschwanden. Ich fragte ihn: »Und, woran liegt’s?« Und er, richtig: »Zuwenig Futter. Keine Insekten mehr.«

Nun fragst Du mich als »Fachmann«, wie der Turmfalke zu vertreiben sei. Ich frage zurück: Willst Du Dich dieses Frevels schuldig machen? Denn es ist ja, mit dem Universalphilosophen Heino Jaeger zu reden und vielleicht gar zu maulen, mit der ganzen Natursache »ein Problem«, ein Problem, wie es die alkoholliebenden Pfarrer in »Daanmark« sind (vergleiche »Alkoholprobleme in Dänemark«).

Also, was wäre zur Causa Turmfalke zu sagen? Reichte ein Hinweis auf die »Dialektik der Natur« (Engels)? Oder, mehr mit Schopenhauer, auf die Grundverfehltheit allen Lebens?

Unsere geliebte Jägerschaft würde auf »Vergrämung« plädieren, notfalls auf, so heißt das wirklich, »letale Vergrämung«. Meinte: Du kaufst auf einem Berliner Flohmarkt eine Wumme und hämmerst den Saubatzi weg. Aber wäre dies edler als das schändliche Werk des Falk’, der sich an Deinen Heckenbraunellen vergeht (die ich, wie Du weißt, sehr adoriere)?

Der ganzgroße Tomayer hat selbstverständlich recht. Allein, es bleibt uns nur, es hinzunehmen, und der Turmfalke fängt ja seit einiger Zeit verstärkt Singvögel nur deswegen, weil es in den zugeschissenen, baukapitalistisch zugerichteten Städten keine Brachen mehr gibt, auf denen er Mäuse fände. Der Mann hat halt Hunger. (Und was ist überhaupt mit den Mäusen?)

Du siehst: Ratlosigkeit, wohin man schaut. Erfreue Dich am feingliedrigen Turmfalken, an einer der anmutigsten Gestalten der hiesigen Biosphäre, an ihm, der Mut und Eleganz in sich vereint, und um Deine Nebelkrähen, die mitnichten Raben sein dürften (bei Berlin verläuft die Populationsgrenze zwischen Raben- und Nebelkrähen), solltest Du Dich nicht besorgen. Die kommen überall unter.

Materialismus tut eben bisweilen weh.

Seid sehr herzlich gegrüßt:

Euer Jürgen (Pessimist)

*

Lieber Jürgen,

Heute haben wir die Korrespondenz mit dem Buchstaben R geordnet, also Deine Briefe werden bald unter der Nummer 1.064 in der Universitätsbibliothek Leipzig zu finden sein. Und gerade waren wir damit fertig, da ertönt Sosumi und zeigt an, dass eine Mail eingegangen ist.

Vielen Dank für Deinen Brief! Natürlich war Ralf eine Nebelkrähe, aber die gehören ja auch zu den Rabenvögeln. Er fehlt mir sehr, weil wir uns täglich nonverbal unterhalten haben. Manchmal flog er extra für mich eine Ehrenrunde, und ich konnte ihn am Hinterkopf von allen anderen Nebelkrähen unterscheiden, genauso, wie ich seine Stimme erkannte. Gut, ich werde Deinem Rat folgen und nun eine Falkenfreundin werden. Du hast ja völlig recht!

Klaus Jünschke rief gestern an, er ist als ehemaliger Pfadfinder und RAF-Mann auch ein Vogelfreund. Er füttert auf seiner Dachterrasse die unterschiedlichsten Vögel, sogar Papageien leben mittlerweile in Köln in Freiheit. Er riet mir, das Vogelbad wegzulassen, damit der Falke die Singvögel nicht so einfach fangen kann. Weißt Du, solche Flügel vom Boden aufzulesen ist einfach zu traurig. Ich stelle fest, dass ich gegenwärtig fürs Verdrängen bin.

Übrigens liegst Du richtig mit Jörgs erstem Buch, es war Bengt Berg, »Mein Freund, der Regenpfeifer«, und die Widmung lautet: »Meinem lieben Jörg zu Weihnachten 1951 von Deinem Vati«.

Jörg drückte mir eben Kant in die Hand, ich solle das folgende Zitat für Dich als Pessimisten abschreiben:

»Es ist das Land der Wahrheit (ein reizender Name), umgeben von einem weiten und stürmischen Oceane, dem eigentlichen Sitze des Scheins, wo manche Nebelbank und manches bald wegschmelzende Eis neue Länder lügt und, indem es den auf Entdeckungen herumschwärmenden Seefahrer unaufhörlich mit leeren Hoffnungen täuscht, ihn in Abentheuer verflechtet, von denen er niemals ablassen und sie doch auch niemals zu Ende bringen kann. Ehe wir uns aber auf dieses Meer wagen, um es nach allen Breiten zu durchsuchen und gewiss zu werden, ob etwas in ihnen zu hoffen sei, so wird es nützlich sein, zuvor noch einen Blick auf die Karte des Landes zu werfen, das wir eben verlassen wollen, und ernstlich zu fragen, ob wir mit dem, was es in sich enthält, nicht allenfalls zufrieden sein könnten oder auch aus Noth zufrieden sein müssen, wenn es sonst überall keinen Boden gibt, auf dem wir uns anbauen könnten.«

Herzliche Grüße, auch von Jörg,

Deine Barbara (Optimistin)

*

Liebe Barbara,

Jünschke hat natürlich recht. Aber die Vögel brauchen Wasser, zumal in der Mauser, die sie gerade zu verrichten haben, das Federnwechseln ist für diese grandiosen Tiere eine unfassbare Anstrengung, zumal nach der Aufzucht der Jungen.

Manchmal denke ich: Welche Last die Natur den Lebewesen aufbürdet! Ginge das nicht kommoder? Also: so wellnessclubmäßig? Wozu die ganze Anstrengung, der Kampf, die gegenseitige Anrempelei? Dieser dauernde Kriegszustand?

Kropotkin hat ein wunderbares Buch über die Solidarität im Tierreich geschrieben, und er lobte insbesondere die Vögel, von denen man »die besten Mitteilungen« habe. Hm. Vielleicht ist das ein Kindertraum oder nur – Du sagst es – durch Verdrängung zu haben. Die Psychologie sagt nicht zu Unrecht: Ohne Verdrängung gibt es kein (Weiter-)Leben.

Herrje. Und da hilft auch Kants Insel des Verstandes (oder der Vernunft, weiß ich jetzt grad nicht) leider nicht weiter. Dank an Dich, Jörg, für das Zitat! Dass Du mich daran erinnerst! Als ich bei Habermas im berühmten Frankfurter Hörsaal V saß, in seinen Vorlesungen, zitierte der das immer. Und was kam am Ende raus? Eine Theorie des kommunikativen Handelns, eine Entmaterialisierung der Kritischen Theorie, eine schändliche Sozialdemokratisierung der Philosophie – die Austreibung der Welt aus dem Denken (und Fühlen).

Ich glaube, die Romantik böte einen Anhaltspunkt, die frühe. Novalis. Wenn keine Zahlen mehr zählen … So ähnlich.

Was weiß ich.

Ich halte es im Moment mit Flann O’Brien: »Fuck the fucking fuckers!«

In Verbundenheit und mit einem »Hurra!« gen Berlin, herzlich:

Euer Jürgen

Jürgen Roth, Jahrgang 1968, ist Schriftsteller und Sprachwissenschaftler. Er ist regelmäßiger Autor des jW-Feuilletons und einziger Träger der jW-Ehrennadel für hervorragende Sportberichterstattung. An dieser Stelle erschien zuletzt in der Ausgabe vom 22./23. Juni die Laudatio »›Ich bin eher Epikureer‹. Einmal auf der Frühlingsstraße: Über den Surrealisten Roberto Yáñez«.

Barbara Kalender, Jahrgang 1958, arbeitete von 1981 bis zur Schließung des Unternehmens im Jahr 1987 im März-Verlag, den ihr Mann Jörg Schröder gegründet hatte. Seitdem arbeitet sie als Autorin. Von 2008 bis 2010 erschienen in der jungen Welt 100 Folgen der Kolumne »Schröder & Kalender«. Seit 2006 führen Schröder und Kalender einen Autorenblog für die Taz.

Jörg Schröder, Jahrgang 1938, gilt als Enfant terrible der bundesdeutschen Verlagsszene der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gleichzeitig als großer Entdecker von Literatur. Er gründete 1969 den legendären März-Verlag. Dort bot er wichtigen Protagonisten der Neuen Linken und jungen Dichtern eine Plattform. Nachdem Schröder den März-Verlag 1987 gesundheitsbedingt aufgeben musste, wurden das Verlags- sowie das Autorenarchiv dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach übergeben. 1990 entwickelte er zusammen mit seiner Frau Barbara Kalender die Reihe »Schröder erzählt«, ein literaturhistorisch einmaliges, autobiographisches Langzeitprojekt. An dieser Stelle erschien zuletzt in der Ausgabe vom 15./16. September 2018 der Vorabdruck »Kommandosache Lenin. Jörg Schröder erzählt Barbara Kalender ›Das ganze Leben‹«.

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