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Aus: Ausgabe vom 13.12.2019, Seite 15 / Feminismus
An der Seite der Armen

Reiche Revolutionärin

Mentona Moser: Fabrikantentochter, Mitgründerin der Schweizer KP und DDR-Bürgerin
Von Florence Hervé
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Mentona Moser

Der Schweizer Schriftstellerin Eveline Hasler verdanken wir bereits mehrere Biographien aufmüpfiger Frauen. Ansporn für ihr jüngstes Werk, so Hasler, war bereits Mitte der 1980er Jahre eine Begegnung mit der DDR-Schriftstellerin Irmtraud Morgner, die sich wunderte, dass ihr, der Schweizerin, der Name Mentona Moser unbekannt war. »Ich begann zu recherchieren«, so Hasler, »aber man warnte mich: Im Kalten Krieg käme eine Hommage an eine Kommunistin im Westen schlecht an.« Mehr als 30 Jahre nach den im Dietz-Verlag der DDR erschienenen Erinnerungen der Mentona Moser (über die Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg) erscheint nun Haslers einfühlsame Biographie. Darin zeichnet sie das Leben der am 19. Oktober 1874 in Badenweiler geborenen Mitgründerin der Kommunistischen Partei der Schweiz nach: Lieblose Kindheit in einer sehr reichen Familie auf einem Schloss am Zürichersee – der geliebte Vater, ein erfolgreicher Uhrenfabrikant, stirbt früh, die Mutter ist kalt und herrisch –, Ausbildung in einem englischen Mädchenpensionat, soziales Engagement für verarmte Arbeiterfamilien in England. Nach der Rückkehr in die Schweiz gründet sie die erste Schule für soziale Arbeit mit. Aus einer kurzen Ehe mit dem Juristen Hermann Balsinger gehen zwei Kinder hervor. Nach der Scheidung ist sie Angestellte und alleinerziehende Mutter, engagiert sich in der neuen kommunistischen Partei und leitet ab 1921 deren Frauenabteilung. Dort tritt sie leidenschaftlich für das Frauenwahlrecht und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch sowie für die Verbesserung der Lage der Arbeiterinnen ein. Sie arbeitet in der Internationalen Roten Hilfe (IRH) mit und wird deren Funktionärin in Deutschland, Frankreich, Holland, Belgien und England und schließt Freundschaft mit Clara Zetkin.

Nach dem Tod ihrer Mutter unterstützt Moser materiell Projekte der IRH und gründet ein Waisenheim in Moskau. Im Berlin der dreißiger Jahre stellt sie unter anderem die Gefangenenbibliothek der Roten Hilfe zusammen. 1934 muss sie das Nazideutschland verlassen und verliert einen Großteil ihrer Erbschaft. Es folgt ein Aufenthalt im Fischerdorf Morcote am Luganersee, später lebt sie krank ­und verarmt in Zürich. Auf Einladung des damaligen SED-Parteivorsitzenden Wilhelm Pieck übersiedelt sie 1950 nach Berlin und wird DDR-Bürgerin. Leider ist in dieser sonst wunderbaren Biographie wenig über Mentona Mosers letzte Jahre in der DDR zu erfahren, wo sie in einem Pionierheim gepflegt wurde und 97jährig starb.

Eveline Hasler: Tochter des Geldes. Mentona Moser – die reichste Revolutionärin Europas. Nagel & Kimche, München 2019, 287 Seiten, 23 Euro

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