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Aus: Ausgabe vom 13.12.2019, Seite 10 / Feuilleton
Feindbeobachtung

»Qualitätsdefensive«: Ein Abend der Adenauer-Stiftung zur Politikverdrossenheit

Von Ronald Kohl
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Werner Patzelt – die TU Dresden hat sich von ihm getrennt

Vor der Rezeption des Steigenberger Hotel Sanssouci in Potsdam herrscht am Mittwoch abend dichtes Gedränge. In eine Richtung marschieren Kellner, die Teller mit Gänsekeulen und Klößen in der Höhe balancieren, in die andere ältere Herrschaften mit Haifisch- und Kentkragen. Die Adenauer-Stiftung hat innerhalb ihrer neuen Reihe »Kontrovers« zu einer Abendveranstaltung »Zum Stand der Demokratie in Deutschland« geladen.

Ich bin regelmäßiger Gast der Stiftung, je abwegiger das Thema, desto besser; ich habe gerne Platz am Buffet. Daraus wird dieses Mal nichts. Der Einladungstext hat gezogen: »Erleben wir gerade eine Re-Ideologisierung der Politik oder handelt es sich nur um eine steigende Unzufriedenheit mit der Politik?« Letzteres wäre demnach nur halb so schlimm. »Jedenfalls«, heißt es weiter, »erhalten die Parteien am rechten und linken Rand stärkeren Zuspruch. Ein Radikalismus von links wie von rechts und aus Teilen des Islam verbreitet sich, der auf je eigene Art eine andere Vorstellung von Demokratie vertritt.«

Der erste Teil des Programms widmet sich der Fragestellung »Politikverdrossenheit – Warum?« Star des Podiums ist eindeutig Werner Patzelt, unter dessen Namen in der Einladung steht: »Politikwissenschaftler TU Dresden«. Bei Patzelts Vorstellung erwähnt der Moderator dessen Beratung der CDU im sächsischen Landtagswahlkampf. Dass die TU wegen Patzelts unterstützender Begleitung von Pegida auf Distanz zu ihm gegangen ist, fällt unter den Tisch. Für den Islam ist übrigens niemand da, und es bleibt auch bis zum Schluss völlig schleierhaft, weshalb er in der Einladung überhaupt erwähnt wurde.

Nach der Gefährdung von rechts gefragt, meint Patzelt, dass der Aufschwung des Rechtspopulismus vermeidbar gewesen wäre. Jetzt jedoch bräuchte sich die CDU keine Gedanken mehr darüber zu machen, wie sie die besetzte Argumentationslücke zurückerobern könne, denn da wäre nichts mehr zu machen. Nun könne man nur noch auf die »Selbstzerstörung« der AfD hoffen. Dafür gibt es Applaus.

Nach der Pause geht es im zweiten Teil um eine weitere Frage, die kaum eine ist: »Vertrauensverlust in die Medien?« Gegenüber sitzen sich der Leiter des Kulturressorts der rechtskonservativen Zeitschrift Cicero, Alexander Kissler, und der Chefredakteur des RBB, Christoph Singelnstein. Zunächst bedankt sich Kissler bei Patzelt für die vielen sehr unterhaltsamen Äußerungen, die Kisslers Lesern online bereits zur Verfügung ständen. Damit wirft er die Frage auf, wie Printmedien gegen diesen Hochgeschwindigkeits-»Journalismus« bestehen sollten. Seine Antwort: Jede dritte, wenn nicht jede zweite Zeitung werde innerhalb der nächsten Jahre sterben.

Als Kissler dem Deutschlandfunk eine »Qualitätsdefensive« attestiert, klatsche ich unwillkürlich mit – zu viel Rotwein in der Pause. Auf die nicht sehr originelle Frage aus dem Publikum, weshalb ein Bürger auch zahlen müsse, wenn er die Öffentlich-Rechtlichen komplett verschmähe, antwortet Singelnstein: »Ich könnte jetzt einfach sagen: Dafür bin ich nicht zuständig.« Doch das wolle er nicht tun. Und so überlegt er, holt tief Luft und sagt: »Ich kann mir keine andere Finanzierung vorstellen.«

Höhepunkt der zweiten Runde sind die abschließenden Worte Stephan Raabes von der Adenauer-Stiftung, der den offiziellen Teil mit der Forderung nach der Rückkehr des hartgesottenen Antikommunisten Gerhard Löwenthal (1922–2002) beendet. Wer Erinnerungen an dessen »ZDF-Magazin« hat, kann sich den orkanartigen Beifall vorstellen. Ich frage Alexander Kissler nach der Veranstaltung, was er davon hält. Er glaube nicht an eine Rückkehr Löwenthals, sagt Kissler, allerdings würde im nächsten Jahr Bild-TV starten, und irgendwen bräuchten die ja auch.

Geniale Idee: Alles noch mal von vorn!

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