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Aus: Ausgabe vom 13.12.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
»Black Lives Matter«

Anmerkungen zum Aufstand

US-Protestbewegung fünf Jahre nach Mord an Michael Brown: Selbstdarsteller haben dem Widerstand gegen Rassisten geschadet
Von Tory Russell, Ferguson
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Demonstranten protestieren auf dem Dach eines Geschäftes gegen rassistische Polizeigewalt (Ferguson, August 2015)

Tory Russell, Aktivist der ersten Stunde, schaut fünf Jahre nach dem Mord an dem afroamerikanischen Teenager Michael »Mike« Brown mit kritischem Blick zurück. Seine Betrachtungen erschienen zuerst in der US-Zeitschrift Essence.

Es ist mehr als fünf Jahre her, dass Michael Brown Jr. am 9. August 2014 von einem Polizisten getötet wurde. Fünf Jahre ist es her, dass die dadurch ausgelösten massiven Proteste die Kleinstadt Ferguson im US-Bundesstaat Missouri lahmlegten. Das wirkliche Ausmaß des Protests, der sich in einen Aufstand verwandelte, wird heute immer noch verkannt. Die meisten Außenstehenden verfügen diesbezüglich nur über Basiswissen. Etwa, dass der Officer, der die tödlichen Schüsse abfeuerte, Darren Wilson hieß. Sie kennen auch die Namen einiger Aktivisten und Organisationen, und sie wissen, dass die Einwohner von Ferguson die Bewegung, wie wir sie kennen, ins Leben gerufen haben. Aber nur wenige wissen, welch hohen Tribut wir wegen der Unterdrückung und Kommerzialisierung der Bewegung zahlen mussten, und mit welchen Problemen wir aktuell zu kämpfen haben.

Es gab eine Zeit, für die ich so etwas wie nostalgische Gefühle hege – wegen des intensiven Zusammenkommens der Gemeinde, des kollektiven Herauslassens aufgestauter Wut und wegen der reinigenden Kraft der Tränen, die seitdem jedoch versiegt sind. Längst ist diese Nostalgie bei vielen in Depression und Angst umgeschlagen. Da ist auch dieser anhaltend starke Schmerz, wie wenn einem die Luft wegbleibt, weil man mit ansehen muss, wie das eigene Kind schwer verletzt wird, einem aber die Macht fehlt, das Leid von ihm abzuwenden, weil man es nicht vorhersehen konnte.

Und dann ist da noch die Enttäuschung. Wir gingen auf die Straße und versuchten, unsere eigene Geschichte zu schreiben, unsere Wahrheiten zu verbreiten, unser Ferguson zu heilen, zu schützen und aufzubauen, während sogenannte Brüder, Schwestern und Verbündete der Bewegung den Protest zum Aufbau ihrer Plattformen nutzten und Ressourcen in ihre Taschen leiteten. Dabei mussten wir zusehen, wie sich dieser Teil der Bewegung von den durch Mikes Tod aktivierten Massen der schwarzen Bevölkerung abwandte und nur noch das Augenmerk darauf richtete, vom lukrativen Mainstream weißer Medien und weißer Geldgeber akzeptiert zu werden.

Völlig frustriert mussten wir erleben, wie unsere Kampfparolen, mit denen wir uns Kraft geben und unseren Durchhaltewillen stärken wollten, zu billiger Reklame für Rapper und Entertainer wurden, die den Widerstandsgeist nur wie ein T-Shirt auf der Haut tragen, nicht aber in ihren Herzen. Wir fanden ziemlich schnell heraus, dass Hashtags nichts gegen weiße Rassisten ausrichten und Petitionen nichts an einer Politik ändern, in der schwarze Leben nicht zählen.

Ruhm und Popularität

Es schmerzt zu sehen, wie eine Bewegung, die du mit geschaffen hast, sich in das Gegenteil von dem verkehrt, warum wir für einen Jungen auf die Straße gegangen sind, den keiner von uns persönlich kannte, mit dem wir uns aber stark verbunden fühlen – bis heute. Alle, die nur auf Ruhm und Popularität aus waren, haben sich längst davongemacht. Die meisten hatten es sehr eilig, liberale und für ihre gute finanzielle Ausstattung und soziale Gerechtigkeit bekannten Großstädte oder weiße Institutionen zu finden, um endlich nicht mehr zu »denen da unten« zu gehören. Mit ihnen sind auch die finanziellen und sozialen Ressourcen aus Ferguson verschwunden. Schwarze und weiße Mainstreammedien greifen indes immer noch gern auf diese Leute zurück, obwohl sie wissen, dass sie seit Jahren nicht mehr in Ferguson leben, sich hier nicht mehr organisieren, geschweige denn protestieren. Weil einige dieser sogenannten Journalisten einfach zu faul sind, selbst zu recherchieren, sind sie mitschuldig daran, dass die nachwachsenden Generationen irregeleitet werden und ihnen echte historische Kenntnisse darüber fehlen, was wirklich in und mit Ferguson passiert ist.

Einige rackern sich weiter ab

Ich hätte mir gewünscht, dass zum fünfjährigen Jubiläum der Rebellion Zehntausende nach Ferguson gekommen wären, hätte gern ein Meer von Schwarzen auf den Straßen gesehen, um gemeinsam mit denen, die Michael Brown am besten kannten, an ihn zu erinnern. Aber das ist nicht passiert, weil es sich nicht auszahlt. Einige von uns sind trotzdem immer noch hier – und rackern sich weiter ab, lieben und kämpfen immer noch für eine Welt, in der es überhaupt nicht darum gehen müsste, »Gerechtigkeit für Michael Brown« zu fordern, weil er gar nicht erschossen und stundenlang auf dem Bürgersteig liegengelassen worden wäre.

Wir, die wir in Ferguson alles im Namen der Freiheit und Gerechtigkeit geopfert haben, sind ständigen Repressalien unterworfen. Das Leben wird hier niemals mehr sein wie zuvor. Niemals. Das war natürlich zu erwarten, aber was die meisten nicht verstehen, ist, dass die Bewegung, so verwässert wie sie in Fernsehberichten und in Chroniken dargestellt wurde, in Ferguson nie so existiert hat. »Ferguson« im Titel einer Podiumsdiskussion oder in einer Schlagzeile zu nennen, hat natürlich die Garantie geboten, Zuschauer zu gewinnen, aber unsere Sicht spielte dabei selten eine Rolle.

Unsere größte Stärke erwies sich als zweischneidiges Schwert, denn wir wurden für unsere Hartnäckigkeit und Dreistigkeit sowohl geehrt als auch gefürchtet. Weil wir fähig waren, alles lahmzulegen, wurden wir zu einer Belastung für Uni-Diskussionsrunden und Talkshows. Fernsehproduzenten klagten, man habe vorher nie wissen können, was wir live sagen würden.

Gelernt habe ich in diesen Jahren, dass wir der Welt die ganze Wahrheit über die USA erzählen müssen, über ihre Hässlichkeit, ihre Gewalt und ihre Feigheit. Selbst jetzt, da einige der Aktivisten von Ferguson erschossen oder verbrannt wurden und in ihren Gräbern liegen, erwähnen manche jener Leute, die von sich behaupten, auf der Seite des Volkes zu stehen, in Fernsehinterviews nicht einmal die Namen der Ermordeten. Und während diese »Stars der Bewegung« in den Warteräumen der Fernsehstudios an ihrem Tee nippten, mussten einige von uns bange Stunden in Verhörräumen der Polizei zubringen.

Hat es sich gelohnt?

Ich frage mich oft, ob sich das alles gelohnt hat. Wenn ich wochenlang meine Liebsten kaum gesehen habe. Oder wenn mir Jobs und Kampagnenfinanzierungen von Organisationen verweigert wurden, die direkte finanzielle Nutznießer unserer Bewegungsarbeit in Ferguson waren. Statt dessen musste ich erleben, wie Aktive unserer Bewegung aus ihren Wohnungen geworfen und ins Gefängnis gesteckt wurden. Deshalb weiß ich nicht, was schlimmer zu ertragen ist: Opportunisten, die sich 2014 während des Aufstands von uns Organisatoren der Proteste finanziell aushalten ließen und vorgaben, gemeinsam etwas aufbauen zu wollen, aber nicht mehr auf Anrufe reagierten, wenn wir ihre Unterstützung gebraucht hätten. Oder zu sehen, wie die Leute, mit denen du gemeinsam auf der Straße protestiert hast, eingeknastet oder beerdigt werden.

Aber meine Antwort auf die Frage, ob sich das alles gelohnt hat, ist ganz klar: Ja, ich würde alles noch einmal so tun für meine Leute im Kiez. Noch einmal alles tun für Ferguson. Und ich würde noch einmal alles geben für Michael Brown!

Übersetzung: Jürgen Heiser

Tory Russell wird einer der Referenten während der XXV. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz am 11. Januar in Berlin sein. Auf der Basis seiner Erfahrungen als Mitinitiator der Proteste gegen Polizeigewalt in den USA wird er über die »Macht der Straße« sprechen. Die Bewegung ist seit 2014 nicht kontinuierlich gewachsen. Denn in den USA sieht es nicht anders aus als in weiten Teilen der kapitalistischen Welt: Die Klassenwidersprüche spitzen sich zu, Kräfte der neokonservativen und faschistischen Reaktion sind auf dem Vormarsch. In diesem Zuge werden Antifaschismus und Antirassismus in den USA von höchsten politischen Instanzen als »Terrorismus« denunziert. Die US-Bundespolizei FBI verfolgt mit ihrer Geheimoperation »Eiserne Faust« Bewegungen wie »Black Lives Matter«, um sie zu zerschlagen wie einst die »Black Panther Party« (siehe jW-Thema »Schwarze Terroristen« vom 26.09.2019). Sich gegen diese Angriffe zu behaupten, bindet folglich die Kräfte der progressiven Strömungen.

Nicht erst seit US-Präsident Donald Trumps Amtsantritt wird diese Auseinandersetzung von oben gewaltsam geführt. Das betrifft den Alltag vor allem der schwarzen und hispanischen Bevölkerung ebenso wie den der indigenen Ureinwohner sowie der Migranten aus Mittelamerika. An der rassistischen Polizeigewalt hat sich seit der Amtszeit Barack Obamas nichts zum Positiven verändert, auch wenn seitdem Deeskalationstrainings verordnet und Millionen Bodykameras angeschafft wurden. Laut offiziellen Statistiken, die erst seit 2014 systematisch geführt werden, sterben jedes Jahr rund 990 Menschen durch Polizeikugeln. Aber 2018 wurden nur zehn Beamte wegen Mordes oder Totschlags verhaftet, von denen lediglich drei zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Bei Weißen und Konservativen genießt die Polizei sehr hohes Vertrauen, bei Schwarzen wächst das Misstrauen jedoch generell. Weshalb die Polizei immer weniger nichtweiße Berufsanfänger findet. Diese Fakten kann man in Lageberichten von New York Times und Washington Post zum fünften Jahrestag des mit sechs Polizeiprojektilen förmlich hingerichteten Schülers Michael Brown nachlesen. (jh)

rosa-luxemburg-konferenz.de

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