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Aus: Ausgabe vom 12.12.2019, Seite 8 / Ausland
Gewalt gegen Umweltaktivisten

»Für sie ist Lateinamerika die weltweit gefährlichste Region«

Chile: Umweltschützer werden bedroht und ermordet. Derweil dauern Proteste gegen Regierung an. Ein Gespräch mit Beatriz Martos
Interview: Hannes Kleber
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Blick aus der Ferne: Umweltschützer besetzen am 5.6.2012 den Schornstein eines Kraftwerkes in der chilenischen Stadt Coronel

In Chiles Hauptstadt Santiago ging am Mittwoch der »Sozialgipfel für Klimaaktionen« zu Ende. Wieso hat sich eine Menschenrechtsorganisation wie Amnesty an solch einer Konferenz beteiligt?

Der Klimawandel hat viel mit der Frage der Menschenrechte zu tun. Eine verschmutzte Umwelt beeinträchtigt das Leben vieler in entscheidenden Punkten. Dabei geht es vor allem um das Recht zu leben, das Recht auf Gesundheit, Bildung sowie das Recht auf gesunde Nahrung.

Häufig ist zu hören, Umweltaktivisten seien in Lateinamerika schweren Repressionen ausgesetzt. Wie bewerten Sie die Situation?

Es stimmt, sie werden bedroht. Private Gruppen und staatliche Stellen verfolgen sie, manchmal werden Umweltschützer sogar ermordet. Für sie ist einem Bericht der Organisation Global Witness zufolge Lateinamerika die weltweit gefährlichste Region. Wir sprechen hier übrigens über Verteidiger von Land und Umwelt, die häufig territoriale Rechte indigener Gruppen verteidigen.

Wie ist die Situation in Chile?

Zur Zeit verfolgen wir drei exemplarische Fälle von Aktivisten aus verschiedenen Regionen des Landes. Weil sie für das Recht auf eine saubere Umwelt kämpfen, werden sie bedroht und von staatlichen Stellen überwacht. Wenn sie Veranstaltungen organisieren, mit Behörden sprechen oder an Protesten teilnehmen, sind sie nicht mehr sicher. Alle drei Aktivisten leben in Gebieten, die unter schwerer Umweltverschmutzung leiden. Verursacht wurde diese durch die Industrie, die unter dem Vorwand, das Land zu entwickeln, mit besonders niedrigen Umweltstandards arbeitet. Die Folge sind schwerwiegende Gesundheitsprobleme der Anwohner. Unter anderem sind die Krebsraten gestiegen.

Wie lässt sich Solidarität mit den Umweltschützern organisieren?

Für diese drei haben wir gerade eine internationale Kampagne gestartet. Die Aktion richtet sich zum einen an die Behörden, um von ihnen zu verlangen, dass sie Umwelt- als Menschenrechte anerkennen und entsprechend schützen. Zum anderen verlangen wir, dass Chile das ­Escazú-Abkommen ratifiziert. Dabei handelt es sich um das erste Abkommen seiner Art für Lateinamerika, das Umweltgerechtigkeit für die betroffenen ­Gemeinschaften und den Schutz von Aktivisten festschreibt. Wir sammeln außerdem Unterschriften und schicken Briefe an die Betroffenen. ­Dadurch wollen wir ihnen und ihren Gemeinden den Rücken stärken und zeigen, dass sie nicht alleine sind.

In Chile wird derzeit über eine neue Verfassung diskutiert (jW berichtete). Spielt das für Ihre aktuelle Kampagne eine Rolle?

Als Teil unser Unterschriftenkampagne fordern wir von den Behörden, dass die Stimmen der sogenannten territorialen Gemeinschaften im jetzt stattfindenden Verfassungsprozess gehört werden. Gemeint sind damit sowohl Indigene als auch jene Gruppen, die in ländlichen Regionen leben und von den erwähnten Umweltverschmutzungen betroffen sind.

Die Proteste gegen den Staatschef Sebastián Piñera halten weiter an. Wie reagieren die staatlichen Organe?

Wenige Tage nach dem Beginn der gegenwärtigen Krise hat das internationale Sekretariat von Amnesty International ein Beobachterteam geschickt. Zwei Wochen lang hat es mit sozialen Organisationen, offiziellen Institutionen und Opfern der Unterdrückung gesprochen. Ende November wurde ein Bericht veröffentlicht. Demnach haben vor allem die Armee aber auch die nationale Polizei sehr schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen begangen. Diese müssen sofort aufhören und die Täter bestraft werden – und zwar auch jene, die die Taten angeordnet haben.

Bisher sind fünf Menschen von der Polizei getötet worden. Es gibt zahlreiche Folteropfer und viele Menschen mit dauerhaften Augenverletzungen. Zudem gibt es einige, die einfach verschwunden sind. Außerdem werden immer noch Tausende ohne Anklage festgehalten. Viele von ihnen berichten über Folter und Misshandlungen.

Beatriz Martos arbeitet bei »Amnesty International Chile«

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