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Aus: Ausgabe vom 12.12.2019, Seite 4 / Inland
AfD zur Kolonialgeschichte

Blaue Kolonialherren

AfD-Fraktion lud Apologeten des europäischen Kolonialismus in den Bundestag ein. Linksfraktion spricht von »Selbstentlarvung«
Von Kristian Stemmler
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Ein Segen, findet die AfD: Lastträger im einstigen Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania (Aufnahme um 1906)

Bruce Gilley findet alles halb so schlimm, was in der Kolonialzeit in Afrika geschehen ist. Im Gegenteil, das sei eine segensreiche Zeit für den Kontinent gewesen. Guinea-Bissau etwa habe sich nach dem Abzug der Portugiesen zu einer »Kloake menschlichen Leids« entwickelt. Und sollten die Belgier nicht besser in den Kongo zurückkehren? Derartige Thesen verbreitete der Politologe von der Portland State University in Oregon, der sich sonst eher mit Asien und speziell China befasst, im September 2017 in einem Aufsatz in der Fachzeitschrift Third World Quarterly. Die Fachwelt schüttelte überwiegend den Kopf; einige Redakteure schmissen nach der Veröffentlichung hin. Für die Bundestagsfraktion der AfD ist das genau der richtige Mann. Für Mittwoch abend hatte sie den US-Professor zu einem Vortrag in ihren Fraktionssaal eingeladen. Vor dem Bundestag war eine Gegendemonstration geplant.

»Warum sich die Deutschen nicht für die Kolonialzeit entschuldigen müssen und erst recht nicht dafür bezahlen müssen«, lautete der Titel des angekündigten Vortrags. In der Einladung der Fraktion hieß es, es solle an dem Abend gezeigt werden, »warum die kurze deutsche Kolonialgeschichte ein Vorteil für Länder wie Tansania, Kamerun und Togo war, der bis heute nachhallt«. Gilley habe gezeigt, dass die Kolonialzeit für »viele Länder ein Gewinn war, die nach der Entkolonialisierung in eine bis heute währende Spirale aus Gewalt, Armut und Korruption rutschten«.

Zu der Veranstaltung wurden alle Bundestagsabgeordneten, Referenten, Mitarbeiter und die Presse eingeladen. Veranstalter waren nach einem Bericht der FAZ die Abgeordneten Petr Bystron, AfD-Obmann im Auswärtigen Ausschuss, und Markus Frohnmaier, entwicklungspolitischer Sprecher der AfD. Letzterer hatte kürzlich geäußert, die »Bevölkerungexplosion Afrikas« sei die »größte Herausforderung unserer Zeit«, und gefordert, der »linken Helferindustrie« auf dem Kontinent »den Steuergeldhahn zuzudrehen«.

Gilley hat am Mittwoch im Kreis der AfD-Fraktion und ihrer Gäste sehr wahrscheinlich die Anschauungen vorgetragen, die sich auch in seinem Aufsatz »The Case for Colonialism« (»Argumente für den Kolonialismus«) von 2017 finden. In dem Text plädiert er dafür, die »abschätzige Bewertung des Kolonialismus« zu überdenken. Dieser sei legitim gewesen und habe für die betroffenen Länder per saldo positive Auswirkungen gehabt. Der Politologe versteigt sich gar zu der These, eine abermalige Kolonialisierung des Kontinents müsse erwogen werden.

Kritik an dem Auftritt des US-Professors bei der AfD kam von Jürgen Zimmerer, Professor für die Geschichte Afrikas an der Universität Hamburg. Dass die AfD nur Gilley bekommen habe, zeige, dass sich »kein seriöser Historiker dafür hergibt, über derartige Gedankenspiele vor der AfD zu sprechen«, sagte er in der Welt (Mittwochausgabe). »Versklavte und ausgebeutete Menschen« mit gegrabenen Brunnen oder erbauten Eisenbahnkilometern zu verrechnen, mache nur Sinn, wenn man »die Axiome eines eurozentrischen Fortschrittsglaubens teilt, der selbst die Grundlage der Kolonialideologien bildete«.

Scharf ablehnend äußerte sich auch die Linksfraktion. Die AfD entlarve sich mit der Veranstaltung selbst und zeige, »wes Geistes Kind sie wirklich ist«, erklärte Helin Evrim Sommer, entwicklungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion, am Mittwoch gegenüber jW. Gilley sei keine kritische Stimme, sondern »ein knallharter Befürworter des Kolonialismus«. Unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit werde »die Versklavung, Vertreibung und millionenfache Ermordung von indigenen Bevölkerungsgruppen in den ehemaligen Kolonien der europäischen Großmächte verharmlost«. Es reiche nicht, »den Nationalchauvinismus der AfD als unerträglich« zu kritisieren. Der Bundestag müsse von seinem Hausrecht Gebrauch machen, um zu verhindern, »dass er durch die Veranstaltung als demokratische Institution beschädigt wird«. Unter dem Motto »#decolonize_Bundestag« hatte ein Bündnis für den frühen Abend zum Protest gegen die AfD-Veranstaltung aufgerufen. Die Kundgebung begann nach jW-Redaktionsschluss.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Stanislav Sedlacik, Weimar: Wo liegt die Wahrheit? Was ist Wahrheit? Das fragte Pontius Pilatus am Ende seines Verhörs mit Jesus (Johannes 18,37f). Was ist das, die Wahrheit, und wo kann man sie finden? Wenn man ihr begegnet, dann ist sie doch so sehr...

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