Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit
Gegründet 1947 Montag, 17. Februar 2020, Nr. 40
Die junge Welt wird von 2228 GenossInnen herausgegeben
Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit
Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit
Aus: Ausgabe vom 09.12.2019, Seite 11 / Feuilleton
Revue

Liebe fürs Proletariat

Die Revue »Everybody Needs Only You« im Berliner HAU
Von Jakob Hayner
Everybody__DorotheaTuch_3972.jpg
Liebe – war das nicht mal was anderes?

Mit der Liebe in der bürgerlichen Gesellschaft ist es eine vertrackte Sache. Jeder weiß, dass Liebe kostet, aber gleichzeitig muss dieser Umstand verheimlicht werden. Die Liebe und die Ökonomie gelten als einander entgegengesetzt, hier die süße Stimme des Herzens, dort die kühle Abwägung des Verstandes. So wird die Liebe zu einem Mysterium erklärt, zugleich soll sie die Wunden heilen, die der einzelne in der kapitalistischen Konkurrenz erleidet. Aber es gibt kein Außerhalb des Kapitalismus. Soweit kennt man das noch aus jedem Junge-Linke-Seminar zur Kritik der berüchtigten RZB (Romantischen Zweierbeziehung), an dessen Ende die illusionslose Kritik der politischen und libidinösen Ökonomie zu stehen hat. Am vergangenen Wochenende zeigten Konstanze Schmitt und Bini Adamczak im Kreuzberger Theater Hebbel am Ufer (HAU) ihr Stück »Everybody Needs Only You. Liebe in Zeiten des Kapitalismus«. Im Verlaufe des Abends werden die wenigen plüschigen Vorhänge auf der sowieso spärlich eingerichteten Bühne heruntergerissen. Schluss mit der Gemütlichkeit und den Illusionen. So sieht sie aus, die kalte Wirklichkeit.

Passend turnen die vier Spieler in roten Monteuranzügen herum. Immer schneller, immer flexibler, immer angepasster. Liebe erscheint hier als eine weitere Selbsttechnik im Bereich Fitness und Gesundheit oder Work-Life-Balance, die die im Neoliberalismus Geknechteten noch bei der Stange hält. Aber gab es da nicht auch einmal etwas anderes? Das fragt mit bezaubernd nüchterner Naivität Hauke Heumann seine Mitspielerinnen Nora Decker, Anja Meser und Mariana Senne. Wenn alle nur noch sich selbst lieben, wer liebt dann seinen Nächsten? Und wer ist das überhaupt? Und darf das immer nur eine Person sein? Nicht unbedingt. Es darf gerne auch das globale Proletariat von China über Schweden bis Mexiko sein. Die Autorin Adamczak hatte mit ihrem Buch »Beziehungsweise Revolution: 1917, 1968 und kommende« vorgeschlagen, revolutionäre Weltveränderung als Veränderung der Beziehungen zwischen Menschen aufzufassen. »Everybody Needs Only You« knüpft als eine lockere Revue aus Liedern und Szenen da an. Die Liebe wird politisch, wo sie nicht privatisiert wird.

Mehr aus: Feuilleton

Endspurt der Aktion »Dein Abo zur rechten Zeit«: jetzt bestellen!