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Aus: Ausgabe vom 09.12.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
OPEC

Ölproduzenten unter Druck

24 Länder wollen durch Senkung der Fördermengen den Preis stabil halten
Von Knut Mellenthin
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Der saudische und der russische Energieminister am 6. Dezember in Wien: Prinz Abdulaziz bin Salman Al Saud und Alexander Nowak

Die OPEC und ihre von Russland geführten Kooperationspartner haben am Freitag eine weitere Kürzung ihrer Ölproduktion beschlossen. Die Maßnahme soll angesichts sinkender internationaler Nachfrage und steigender Fördermengen der USA und Brasiliens für stabile Ölpreise sorgen. Die Börsen reagierten auf die Entscheidung, die im Rahmen des Erwarteten blieb, zunächst mit leichten Preisanstiegen. Der international wichtigste Richtwert Brent lag am Wochenende bei 64,39 Dollar pro Barrel (159 Liter). Er war in diesem Jahr auch schon kurzzeitig über 70 Dollar gestiegen und unter 60 Dollar gefallen. Der Höchststand in den zurückliegenden 24 Monaten war Anfang Oktober 2018 mit 85 Dollar erreicht worden.

Unter Beobachtung

Am Donnerstag hatten die 14 Mitglieder der 1960 gegründeten Organisation erdölexportierender Länder am Sitz ihres Hauptquartiers in Wien getagt. Am Freitag waren die zehn Staaten hinzugekommen, mit denen die OPEC seit 2016 zusammenarbeitet. Dieser inzwischen gewohnte Ablauf hat nur formale Bedeutung. In der Realität fallen die Entscheidungen hauptsächlich in bilateralen Gesprächen zwischen den beiden größten Produzenten dieser Gemeinschaft: Saudi-Arabien und Russland, das nicht zur OPEC gehört. Da dies nicht allen Beteiligten gefällt, ist die strenge Beachtung des Zeremoniells um so wichtiger.

Ausgangspunkt des Beschlusses, der, wie bereits vermeldet, am Freitag bekanntgegeben wurde, war eine Kürzung ihrer gemeinsamen Fördermenge um 1,2 Millionen Barrel pro Tag, auf die sich die Beteiligten – oft »OPEC plus« genannt – vor einem Jahr verständigt hatten. Jetzt soll eine Senkung um weitere 500.000 Barrel pro Tag (bpd) hinzukommen, so dass sich auf dem Papier eine Verringerung um 1,7 Millionen bpd ergibt. Das entspricht, etwas vereinfacht gerechnet, 1,7 Prozent der globalen Fördermenge. Die Maßnahme soll bis März 2020 gelten und dann neu diskutiert werden.

In Wirklichkeit ist das Minus größer, weil die meisten Mitglieder der OPEC plus weniger Öl produzieren, als sie nach ihrer Beschlusslage und den ihnen auf dieser Basis zugeteilten Quoten dürften. Das hat zum Teil objektive Gründe, die in erster Linie durch Sanktionen der USA verursacht sind. Iran als Hauptbeispiel hat seine Ölförderung von 3,5 Millionen bpd auf 2,0 Millionen bpd heruntergefahren, weil es statt durchschnittlich 1,5 bis 2,0 Millionen bpd schätzungsweise nur noch 500.000 bpd exportieren kann. Venezuelas Ölproduktion ist fast zusammengebrochen, die Förder- und Exportmengen Libyens schwanken aufgrund bürgerkriegsartiger Kämpfe. Es gibt aber auch Länder, die ihre im Rahmen der OPEC plus vereinbarten Quoten absichtlich unterschreiten, weil sie sich davon eine noch stärkere Wirkung auf die Ölpreise erhoffen. Das gilt vor allem für Saudi-Arabien, das schon angekündigt hat, vorerst bei dieser Praxis zu bleiben.

Andererseits überschreiten angeblich mehrere Beteiligte, an erster Stelle Russland, aber auch Irak und Nigeria, die ihnen zugestandenen Höchstmengen. Alles gegeneinander gerechnet wird allgemein davon ausgegangen, dass die Senkung der Fördermenge der OPEC plus nach dem Treffen in Wien nicht bei 1,7 Millionen bpd, sondern eher bei 2,1 Millionen bpd liegt.

Die inzwischen institutionalisierte Zusammenarbeit begann nach bilateralen Vorgesprächen am 16. Februar 2016 in Doha, der Hauptstadt Katars, mit einem Treffen von Vertretern des Gastgeberlandes, Saudi-Arabiens, Venezuelas und Russlands. Das relativ bescheidene erste Ergebnis war eine Vereinbarung, die Fördermengen vorläufig auf dem Niveau vom Januar 2016 einzufrieren. Zum Zeitpunkt der Beratung in Doha lag der Brent-Preis bei 35,10 Dollar pro Barrel. Am 25. Januar 2016 hatte er nach einer kontinuierlichen Talfahrt, die im Juni 2014 begonnen hatte, mit 30,50 Dollar pro Barrel einen Langzeit-Tiefpunkt erreicht. Vor Beginn des Absturzes hatte er auf einer seither nicht wieder erreichten Höhe von 114 Dollar pro Barrel gelegen.

Abnehmende Nachfrage

Alle Prognosen, die in den letzten Jahren aufgrund bestimmter Ereignisse Ölpreise im dreistelligen Bereich voraussagten, stellten sich als falsch heraus. Das gilt vor allem für die Folgen der US-Strafmaßnahmen gegen die Importeure von iranischem Erdöl. Donald Trump hatte sie im November 2018 reaktiviert, nachdem sein Vorgänger Barack Obama 2015 im Wiener Abkommen zum iranischen Atomprogramm darauf verzichtet hatte. Auch der massive Luftangriff vom 14. September, der kurzzeitig die Hälfte der saudi-arabischen Erdölförderung und -verarbeitung lahmlegte, hinterließ wenig Spuren auf dem Weltmarkt. Dazu trug bei, dass die Schäden schon Ende des Monats weitgehend repariert waren und die Saudis genug Vorräte hatten, um ihre Ausfuhr nicht einmal kurzzeitig senken zu müssen.

Hauptfaktoren für die stabilen, tendenziell vermutlich sogar fallenden Ölpreise sind die globale Abnahme der Nachfrage aufgrund der sich abschwächenden Konjunktur und die seit einigen Jahren kontinuierlich steigende Förderung der USA. Sie sind größter Ölproduzent der Welt und waren im September erstmals seit 1973 Nettoexporteur dieses Rohstoffes.

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