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Aus: Ausgabe vom 07.12.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Größtes Risiko der Geschichte

Am 26. Dezember 2009 zog Fidel Castro eine vernichtende Bilanz der UN-Klimakonferenz von Kopenhagen. Ein Auszug
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Betrug an der Welt: Der damalige US-Präsident Barack Obama am 18. Dezember 2009 bei seinem Kurzbesuch auf der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen

Der Klimawandel verursacht bereits erhebliche Schäden, und Millionen Menschen leiden an seinen Folgen. Die besten Forschungszentren versichern, dass sehr wenig Zeit bleibt, um eine irreversible Katastrophe zu verhindern. James E. Hansen vom Goddard-Institut der NASA versichert, dass ein Kohlendioxidwert von 350 ppm (Abkürzung für den englischen Ausdruck »parts per million«, »Teilchen pro Million«; hier: Anteil der Kohlendioxidmoleküle auf eine Million Moleküle trockener Luft, jW) noch tolerierbar ist; aber er übersteigt heute 390 ppm und erhöht sich jährlich um zwei ppm, er überschreitet die Werte, die 600.000 Jahre konstant geblieben waren. Die zurückliegenden zwei Jahrzehnte waren die wärmsten nach allen bisherigen Aufzeichnungen. Der Anteil des Kohlendioxids wuchs um 80 ppm in den letzten 150 Jahren. (…)

Die Menschheit setzte große Hoffnung auf den Gipfel von Kopenhagen (vom 7. bis zum 18. Dezember 2009 fand dort die 15. UN-Klimakonferenz statt, jW), auf dem das Nachfolgeabkommen für das 1997 unterschriebene Kyoto-Protokoll, das seit 2005 in Kraft ist, vereinbart werden sollte. Das geräuschvolle Scheitern des Gipfels war mit peinlichen Ereignissen verbunden, die eine gebührende Erklärung benötigen.

Die Vereinigten Staaten, in denen weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung leben, emittieren 25 Prozent des Kohlendioxids. Der neue Präsident der Vereinigten Staaten (Barack Obama, jW) hatte versprochen, bei den internationalen Bemühungen zur Bekämpfung dieses Problems zu kooperieren. Bei den Treffen vor dem Gipfel wurde klar, dass die führenden Persönlichkeiten dieser Nation und die der reichsten Länder taktisch vorgingen, damit die Schwellenländer und die ärmsten Länder die meisten Opfer bringen.

Viele führende Persönlichkeiten und Tausende Vertreter von Sozialbewegungen und wissenschaftlichen Institutionen kamen nach Kopenhagen, eingeladen von den Gipfelorganisatoren, entschlossen zu kämpfen, um die Menschheit vor dem größten Risiko der Geschichte zu bewahren. Ich werde keine Details zu den Gewalttaten der dänischen Polizei schildern, die auf Tausende Demonstranten losstürmte, sondern mich auf die politischen Aspekte konzentrieren.

In Kopenhagen herrschte wahres Chaos, es kam zu unglaublichen Ereignissen. Die Sozialbewegungen und die wissenschaftlichen Einrichtungen durften nicht an den Debatten teilnehmen. Sogar einige Staats- und Regierungschefs konnten ihre Meinung zu lebenswichtigen Problemen nicht äußern. Obama und die führenden Personen der reichsten Länder bemächtigten sich des Gipfels, unterstützt von der dänischen Regierung. Die Vereinten Nationen wurden kaltgestellt.

Barack Obama kam am letzten Gipfeltag und blieb nur zwölf Stunden. Er traf sich mit zwei von ihm und seinen Mitarbeitern per Zuruf ausgewählten Gästegruppen, ergriff das Wort und ging sofort danach durch den Hinterausgang davon. (…) In einem angrenzenden Saal versammelte er die Vertreter der reichsten Länder, mehrerer Schwellenländer und zweier sehr armer Länder. Er legte ein Dokument vor, verhandelte mit zwei oder drei der wichtigsten Länder, ignorierte die UN-Generalversammlung, hielt Pressekonferenzen und ging weg wie Julius Cäsar nach einem seiner siegreichen Feldzüge in Kleinasien, als dieser schrieb: »Ich kam, sah und siegte.« (…)

Nach der Auflösung der UdSSR haben die Vereinigten Staaten ihre politische und militärische Macht Richtung Osten erweitert, bis zum Herz Russlands, ihr Einfluss über den Rest von Europa ist gewachsen. Was in Kopenhagen geschehen ist, ist nicht außergewöhnlich. (…)
Der kubanische Außenminister, Bruno Rodríguez, bestätigte in seiner Pressekonferenz am 21. Dezember eine Wahrheit, die niemand abstreiten kann. Hier einige seiner Aussagen: »Der Gipfel ist gescheitert und war ein Betrug an der Weltöffentlichkeit (…) Die durchschnittliche Temperatur auf der Welt könnte um fünf Grad zunehmen (…) seit dem Kyoto-Protokoll 1997 sind die Emissionen der entwickelten Ländern um 12,8 Prozent gestiegen (…) davon entfallen 55 Prozent auf die Vereinigten Staaten (…) ein US-Bürger verbraucht durchschnittlich 25 Barrel Erdöl pro Jahr, ein Europäer elf, ein Chinese weniger als zwei und ein Lateinamerikaner oder Einwohner der Karibik weniger als ein Barrel (…) Dreißig Länder, darunter die EU-Staaten verbrauchen 80 Prozent des erzeugten Erdöls.« Tatsache ist, dass die entwickelten Länder, die das Kyoto-Protokoll unterzeichnet haben, ihre Emissionen drastisch erhöht haben. Jetzt möchten sie die vereinbarte Basis für Emissionen, das Jahr 1990 durch das Jahr 2005 ersetzen. Damit müsste der Hauptverursacher, die Vereinigten Staaten, seinen Ausstoß an Kohlendioxid nur um drei Prozent verringern. Das ist ein schamloser Betrug an der Weltöffentlichkeit. (…)

Der Text wurde dem ­deutschsprachigen Fidel-Castro-Archiv entnommen: ­fidelcastroarchiv.blogspot.com/2009/

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