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Aus: Ausgabe vom 06.12.2019, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Das schlimmste Leid

Thomas Braus zeigt Johann Kresniks »Die Hölle/Inferno – Reise ins Innere« im Opernhaus Wuppertal
Von Gisela Sonnenburg
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Voller Körpereinsatz: Thomas Braus

Ungezwungen beginnt dieser später so intensive Ein-Mann-Abend, mit dem Thomas Braus, Intendant und Schauspieler, sich und sein Publikum im Opernhaus Wuppertal herausfordert. »Die Hölle/Inferno – Reise ins Innere« heißt das 70minütige Stück. Es stammt von dem im vergangenen Juli im Alter von 79 Jahren verstorbenen Choreographen und Theatermacher Johann Kresnik; er ließ es im Dezember 2016 mit Braus uraufführen. Seither wird es jedes Jahr einige Male gezeigt, als große Ausnahme vom Guckkastentheater. Denn es findet überall im Opernhaus statt, nur nicht auf der Bühne.

Zunächst versammelt man sich im Foyer, sieht den Protagonisten im Rollstuhl sitzen und sich aus Schichten von Papier schälen. Er schleudert Wortfetzen aus sich heraus, die einen imaginären Dialog ergeben. Dante Alighieri, der italienische Nationaldichter, ließ sich in seiner »Göttlichen Komödie« bekanntlich vom römisch-antiken Dichter Vergil in die Tiefen der Hölle entführen. Hier spricht Dante mit Vergil – und ist doch mit sich allein.

Der Sinn der Reise: dass der Mensch sich selbst erkenne. Dazu folgt man dem Akteur durch die Theatergänge. Er ist in panischem Zustand, fühlt sich von Leoparden und Löwen bedroht, reißt Fenster und Türen auf, hockt sich auf Treppenstufen, hält sich die Ohren zu, spielt mit einer Plastikplane. Doch unerbittlich geht es weiter über metallene Trittroste und kalten Beton.

Ein Scheinwerfer wirft krasses Licht auf ihn, der für uns seine ureigene Höllenfahrt unternimmt. Im Dachgebälk hangelt er umher, beschmiert sich mit Schmieröl und Theaterblut. Man spürt, dass Braus diesen Part unter Anleitung von Kresnik kreierte, der immer bemüht gewesen war, nicht nur knalliges Theater zu machen, sondern auch mächtige Gesellschaftskritik aufzufahren.

Die Hölle ist hier der Mensch an sich. Zudem ist das Spiel auch, wiewohl puristisch, eine satirische Parabel auf den Kunstbetrieb. Der verlangt nach immer schärferen Mitteln, um wahrgenommen zu werden.

Dantes Hemd ist bald voller Blut. Er hat gelitten. Es ist kein Zufall, dass Musik aus Stücken von Pina Bausch erklingt. Deren erfolgreiches Wuppertaler Tanztheater hat dem Schauspiel Wuppertal, förderungstechnisch gesehen, das Wasser abgegraben. Die Dante-Inszenierung ist insofern ein Proteststück gegen die örtliche Kulturpolitik. Auch das Abendkleid mit Spaghettiträgern, das Braus sich überstülpt, entstammt der Bausch-Ästhetik. Aber hier ist es vor allem ein Tanz mit Worten. »Überall liegen menschliche Seelen« – damit sind auch Theaterleichen gemeint. Braus zeigt Bewegungen, die von Bausch stammen könnten. Man weiß es ja: Einiges, was Bausch anzettelte, wirkt heute konservativ und muffig. Trotz lukrativer Vermarktung im Rentnertourismus.

Braus aber klettert immer höher. Seine Qualen kommen von innen. Das Sein ist an sich schon Höllenpein. Eine Gummipuppe wird verdroschen. Der Akteur fragt: »Was machen die ganzen Menschen hier? Nackt zerfetzen sie sich gegenseitig.«

»Dante, lass dich nicht vom Zorn besiegen!« Braus spricht sich Mut zu. Aber die Puppe als Sinnbild für die Frau bleibt ewiges Opfer. Der Mann kriecht schließlich auf seiner Höllenfahrt, aber das Publikum verhöhnt er schamlos: »Sie sind freiwillig hierhergekommen, Sie haben keine Reiserücktrittsversicherung!« Beißender schwarzer Humor ist typisch für Kresnik. Sein Dante lockt jetzt mit nacktem Oberkörper auf eine Rampe. Der nächste Höllenkreis naht. Braus hantiert mit einem Seil. Brüllt: »Warum zerreißt du mich? Hast du keinen Hauch von Mitleid?« Der Galgenstrick baumelt herab. Die Angst vorm Tod und der Wunsch nach Erlösung ergeben ein unseliges Gleichgewicht. Kresnik hat hier auch die Hölle des Alters und tödlicher Erkrankung beschrieben.

Der Sarg steht schon bereit. Aber Braus macht einfach einen Kopfstand drin. Doch wie schon zu Beginn visioniert er wilde Tiere. Die Schlange taucht auf, ein phallisches Symbol, zugleich paradiesische Verführung. Bald zappelt Dante, und man weiß nicht recht: Ist es Lust, ist es ein Alpdruck? Der Verlust zu denken und zu sprechen ist für ihn das schlimmste Leid. Das Innen löst sich auf. Die Dunkelheit kommt über ihn.

»Die Hölle/Inferno« ist als Kammerspiel eine Ausnahme in Kresniks Werk. Aber sein Geist lebt in Braus’ Gezeter, manifestiert sich wie in einem Happening. Die Wuppertaler Bühnen sind für ihren Mut zu bedanken.

Nächste Aufführungen: 8.12., 12.1., 9.2.

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