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Aus: Ausgabe vom 04.12.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Bonapartismus

Von Arnold Schölzel
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Auf das Regime dieses wütenden, eitlen Männleins geht der Begriff zurück, der auf weitere Herrschaftsformen angewandt werden sollte (Karikatur Napoléons III. von Thomas Nast, 1871)

In einem Buchtitel hieß es 2018: »Die neuen Bonapartisten. Mit Marx den Aufstieg von Trump und Co. verstehen« (herausgegeben von Martin Beck und Ingo Stützle, Karl-Dietz-Verlag Berlin). In dem Band geht es neben dem US-Präsidenten u. a. um die »starken Männer«, die in verschiedenen Ländern, zumeist getragen von einer nationalistischen Welle, gegenwärtig regieren.

Parallelen zu den Herrschaftsformen Napoléons I. (1769–1821) und seines Neffen Charles Louis Napoléon Bonaparte (1808-1873), der nach seinem Staatstreich am 2. Dezember 1851 als Kaiser Napoléon III. bis zu seiner Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg 1870 regierte, zogen schon Karl Marx und Friedrich Engels, die Autoren mit der wirkmächtigsten Deutung des Begriffs »Bonapartismus«. Engels sah z. B. im deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck (1815–1898) einen »Louis-Napoleon, übersetzt aus dem französischen abenteuernden Kronprätendenten in den preußischen Krautjunker und deutschen Korpsburschen«. So habe der Preuße sich wie der Franzose aufs allgemeine Stimmrecht gestützt, als »Mittel, an die großen Volksmassen zu appellieren, ein bisschen mit der neuerstehenden sozialen Bewegung zu kokettieren, wenn die Bourgeoisie sich widerhaarig erwies«. (MEW, Band 21, Seiten 426 und 429)

Ähnlich verfuhr Lenin, der 1917 in der russischen Regierung unter Alexander Kerenski (1881–1970) den »Beginn des Bonapartismus« sah: »Wir haben das grundlegende historische Merkmal des Bonapartismus vor uns: die sich auf den Militärklüngel (auf die übelsten Elemente der Armee) stützende Staatsmacht laviert zwischen den beiden sich feindlich gegenüberstehenden Klassen und Kräften, die sich gegenseitig mehr oder weniger die Waage halten.« (Lenin, Werke: Band 25, Seite 222) Die Parallele zog auch Antonio Gramsci (1891–1937), der auf den im 19. Jahrhundert neben »Bonapartismus« gängigen Begriff »Cäsarismus«, den Marx vermied, zurückgriff. Der Terminus bringe die »einer großen Persönlichkeit anvertraute, ›schiedsrichterliche‹ Lösung einer geschichtlich-politischen Situation« zum Ausdruck, »in der die sich bekämpfenden Kräfte sich in katastrophenhafter Weise im Gleichgewicht halten«. Der deutsche Marxist August Thalheimer (1884–1948) sah im Bonapartismus eine Vorstufe faschistischer Bewegungen: Die verteidigten zwar die bürgerliche Herrschaft mit terroristischen Mitteln gegen die proletarische Revolution, zugleich seien sie aber relativ unabhängig von der Bourgeoisie und wendeten sich zum Teil sogar gegen sie. Der Begriff des »Bonapartismus« wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts so zu einer oft beliebig eingesetzten Bezeichnung.

Um konkrete Analyse ging es aber Karl Marx in seinen Arbeiten »Der 18. Brumaire des Louis Napoleon« (1852) und »Der Bürgerkrieg in Frankreich« (1871). Nach dem Ende der Diktatur Napoleons III. schrieb er: »Das Kaisertum, mit dem Staatsstreich als Geburtsschein, dem allgemeinen Stimmrecht als Beglaubigung und dem Säbel als Zepter, gab vor, sich auf die Bauern zu stützen (…). Es gab vor, die Arbeiterklasse zu retten, indem es den Parlamentarismus brach und mit ihm die unverhüllte Unterwürfigkeit der Regierung unter die besitzenden Klassen. Es gab vor, die besitzenden Klassen zu retten durch Aufrechterhaltung ihrer ökonomischen Hoheit über die Arbeiterklasse; und schließlich gab es vor, alle Klassen zu vereinigen durch die Wiederbelebung des Trugbilds des nationalen Ruhms. In Wirklichkeit war es die einzige mögliche Regierungsform zu einer Zeit, wo die Bourgeoisie die Fähigkeit, die Nation zu beherrschen, schon verloren und wo die Arbeiterklasse diese Fähigkeit noch nicht erworben hatte.« (MEW, Band 17, Seiten 337–338)

Bonapartistische Regimes sind eine Erscheinung des 19. Jahrhunderts. Analogien zum sogenannten Populismus heute, etwa in nationalistischer Demagogie, liegen auf der Hand, ersetzen aber keine Analyse.

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