Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 04.12.2019, Seite 10 / Feuilleton
Ballett

Die anderen Traumtänzer

John Neumeier lässt Alina Cojocaru in »Die Glasmenagerie« beim Hamburg Ballett gegen den Kapitalismus antanzen
Von Gisela Sonnenburg
Press Glasmenagerie 29 © Kiran West.jpg
Tom (Félix Paquet, unten) und der Barmann (Marc Jubete)

Ein Tänzer in einem Mantel steht neben einem anderen Tänzer im karierten Hemd. Zwei bildschöne Männer mit schwarzem Haar – und doch stellen sie einen dar. Es ist ein raffinierter Kunstgriff, der dem Ballettdoyen John Neumeier seine jüngste Kreation erlaubt: Der am Sonntag in Hamburg umjubelt uraufgeführte Tanzabend »Die Glasmenagerie« verschmilzt Motive des gleichnamigen Theaterstücks von Tennessee Williams mit autobiografischen Details. Und so tanzt der souverän-lässige Edvin Revazov den Dichter Tennessee, während Félix Paquet mit katzenhafter Geschmeidigkeit dessen Protagonisten Tom darstellt. Verwirrend poetisch ist diese Konstellation, wobei die Hauptperson weiblich ist.

Das Stück erzählt die Lebens- und Leidenserfahrungen von Toms Schwester Laura Rose, virtuos getanzt und – jawohl – gehumpelt von Alina Cojocaru. Die famose Londoner Ballerina rumänischer Herkunft gastiert regelmäßig beim Hamburg Ballett, und jetzt hat sie erneut das choreografische Genie Neumeiers entflammt. Ein Ballett über eine Gehbehinderte als Hauptgestalt zu realisieren, ist sicher keine leichte Aufgabe. Neumeier indes lässt seinen Star phantasievoll in je einem Spitzenschuh und einem Absatzschuh auftanzen.

Laura Rose, eine Seelenverwandte der Schwester von Tennessee Williams, träumt sich aus der Enge und Armut ihrer Familie in eine Welt der Harmonie. Hilfreich dabei: ihre Sammlung von Glastieren, daher auch der Titel »Glasmenagerie«. Auf einem Teewagen stehen die Tierchen vorn an der Rampe, und wenn das Licht drauffällt, glitzern sie verheißungsvoll. Tanzt Laura Rose mit ihnen, erscheint das Einhorn, ihr Lieblingstier, als Mann in Weiß (ultraelegant: David Rodriguez). Mit modern-energetischen Paartänzen voll akrobatischer Delikatesse entfaltet sich das Gefühl von menschlicher Wärme und Solidarität – etwas, das in realen USA der 40er Jahre viel zu selten zu haben war.

1944 wurde Williams’ Stück in Chicago uraufgeführt, es war sein erster großer Erfolg. In der DDR wurde es 1964 von Lothar Bellag verfilmt, 1973 folgte eine Adaption in den USA mit Katharine Hepburn in der Hauptrolle. Stets geht es vor allem um die herben Enttäuschungen, die der kapitalistische Alltag für die Menschen bereithält. Die Frauen sind darin angewiesen auf einen männlichen Versorger. Doch Lauras Familie – mit Nachnamen Wingfield, also »Flügelfeld« – wurde vom Vater verlassen. Darum muss Tom, der eigentlich Schriftsteller werden will, als Lagerarbeiter seine Mutter und Schwester über Wasser halten.

In Neumeiers Ballett will Tom Kunstmaler werden. Ein Zeichenblock ist sein ständiges Requisit, um das es mit der Mutter Amanda (melancholisch verhärmt: Patricia Friza) Streit gibt. Und: Tom ist schwul. In einer Bar nur für Männer macht er erste Erfahrungen. Sein Kumpel Jim allerdings, mitreißend sportlich und doch wie schwebend getanzt von Christopher Evans, hat eine Verlobte. Das bekümmert nicht nur Tom.

Auch Laura Rose ist in Jim verliebt. Amanda hofft, die beiden zu verkuppeln. Nach exzellenten Tänzen miteinander, in denen jeder Part seine eigenen Hoffnungen formuliert, platzt das harmonische Beisammensein: Es klopft an der Tür, und Jims quietschfidele Verlobte Betty (köstlich spritzig: Priscilla Tselikova) stürmt herein. Laura Rose kann Jim nur noch das Einhorn, das er beim Tanzen zerbrach, mit auf die Reise ins Eheglück geben.

Sie bleibt allein zurück, denn auch Tom verlässt die Familie. Er kann als Mann seiner Neigung nachgehen und sich als Künstler versuchen. Laura Rose sucht Trost bei Kerzenlicht, und hinter ihr taucht, wie ein Schutzengel, Tom auf. Die Kerzen der Erinnerung werden schwächer, bis Laura Rose sie ausbläst. Wenigstens die Dämonen der Vergangenheit können beherrscht werden – denen der Zukunft aber muss man sich stellen. Daran lassen auch die eindringlichen Live-Musiken von Charles Ives und Philip Glass keinen Zweifel.

Nächste Aufführungen: 7.12., 12.12., 13.12.

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