Schwarzer Kanal
Gegründet 1947 Mittwoch, 11. Dezember 2019, Nr. 288
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 04.12.2019, Seite 8 / Ansichten

Wegschwimmende Felle

Händler gegen Russland-Sanktionen
Von Reinhard Lauterbach
NRW_Wirtschaft_63477409.jpg
Containerhafen Duisburg-Ruhrort: Handel will Warenaustausch mit Russland wieder intensivieren

Handel treibende Unternehmen mögen keine Beschränkungen ihrer Geschäfte. Das ergibt sich aus der Natur der Sache. Insofern war es absehbar, dass nach Angaben des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft 93 Prozent der im Handel mit der Russischen Föderation tätigen BRD-Unternehmen ein sofortiges oder baldiges Ende der Strafmaßnahmen verlangen. Deshalb vom Beginn einer Revolte der deutschen Bourgeoisie gegen den Sanktionskurs zu sprechen, scheint zumindest verfrüht.

Für diese Einschätzung sprechen zwei Argumente. Das eine ist, dass der Anteil des Russlandhandels am deutschen Exportvolumen abgenommen hat. Und das nicht einmal entscheidend wegen der NATO- und EU-Sanktionen, sondern weil der Warenaustausch mit anderen Ländern, auch Osteuropas, viel stärker gewachsen ist. Wie derselbe Ost-Ausschuss Mitte November bekanntgab, dürfte der deutsch-russische Handel im laufenden Jahr einen Umsatz von etwa 60 Milliarden Euro erreichen. Dagegen ist das Volumen mit den Volkswirtschaften Polens (80 Milliarden) und Tschechiens (71 Milliarden), beide sind wesentlich kleiner als die Russische Föderation, nicht nur bedeutender, sondern, wie man sieht, in absoluten Zahlen höher. Darin spiegeln sich zwar auch die hohen deutschen Direktinvestitionen in diesen Ländern wider, aber strategisch mindert es die Durchschlagskraft des Russland-Arguments für die Einflussnahme auf die Politik.

Aus Sicht Moskaus ist Deutschland nicht mehr der bedeutendste ausländische Partner bei der kommerziellen Zusammenarbeit. China hat sich mit einem Handelsvolumen von umgerechnet 87 Milliarden US-Dollar (79 Milliarden Euro) schon 2018 vor die Bundesrepublik geschoben, und die Volumina wachsen rasant: Für dieses Jahr werden 100 Milliarden Umsatz erwartet, bis Mitte der 2020er lauten die Prognosen auf 200 Milliarden. Da konnte Matthias Schepp von der deutschen Außenhandelskammer in Moskau nur noch kleinlaut einräumen, dass man »Positionen« auf dem russischen Markt verloren habe. Nicht allein wegen der Sanktionen, sondern auch, weil die chinesischen Anbieter »besser« geworden seien.

Insofern ist es konsequent, dass deutsche Spitzenmanager noch in dieser Woche bei einem Treffen mit Wladimir Putin in Sotschi versuchen wollen zu retten, was noch zu retten ist. Dass es aber dem deutschen Kapital gelingen wird, den inzwischen eingetretenen Vorsprung Chinas wieder einzuholen, kann man mit einiger Berechtigung bezweifeln. Indem sie sich 2014 der Sanktionsstrategie – die ihre Urheber in den USA kaum etwas kostete – gegen Russland angeschlossen hatte, hat die Bundeskanzlerin einer – damals noch – Schlüsselbranche der deutschen Exportwirtschaft ein Bein gestellt. Dass sie zudem als Geschäftsführerin der Deutschland AG als Dank für ihre Loyalität mit den USA von diesen einen Handelskrieg serviert bekommt, wird ihr vermutlich ebenfalls nicht zu denken geben.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Istvan Hidy: Ohne Russland nichts Zitat: »Indem sie sich 2014 der Sanktionsstrategie – die ihre Urheber in den USA kaum etwas kostete – gegen Russland angeschlossen hatte, hat die Bundeskanzlerin einer – damals noch – Schlüsselbranche...

Ähnliche:

  • Gaspipeline »Sila Sibiri«: Leitungsbau für Anschluss auf chinesi...
    02.12.2019

    Russlands »Kraft« für China

    Gasleitung »Sila Sibiri« und mehr: Partnerstaaten starten wichtige Infrastrukturprojekte
  • Der erste chinesische Zug auf der »neuen Seidenstraße« erreicht ...
    20.11.2019

    Fernost, ganz nah

    Hafen Mukran und die »neue Seidenstraße«: Grenzbahnhof Brest wird gemieden. Rügen könnte von Boom profitieren

Mehr aus: Ansichten