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Aus: Ausgabe vom 03.12.2019, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Freaks mit Fuchsfell

Etwas Horror, etwas Sozialkritik: Anne-Cécile Vandalems Inszenierung »Die Anderen« passt bestens an die Berliner Schaubühne
Von Jakob Hayner
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Kein Bock mehr auf Sojageschnetzeltes: Die sympathischen Bewohner des »Alten Kontinents«

Anne-Cécile Vandalem versteht es, mit »Die Anderen« an der Berliner Schaubühne das Genre des Gruseligen zu bedienen. Ort der Handlung: ein abgelegenes Dorf, umgeben von dunklen Tannenwäldern, in dem nur wenige verschrobene Menschen leben. Es regnet seit Monaten. Eine Frau erzählt ihrem Therapeuten (Felix Römer) von einem unheimlichen Traum mit ihrem Sohn und einem mysteriösen Kapuzenmenschen. Außerdem gibt es da »die Sache«. Mehr erfährt man zunächst nicht, aber zweifelsohne ist es keine der angenehmeren Art. Etwas abseits, nur erreichbar über einen dunklen Pfad, liegt das Hotel »Zum Alten Kontinent«. Die Lobby ist in dunklem Holz gehalten, die Wände sind in blassem Grün gestrichen. Es ist, als ob sich der Wald in die Häuser ausbreiten würde. Es tropft von der Decke, zahlreiche ausgestopfte Tiere zieren einen dunklen Gang. Ein Freak mit Fuchsfell überm Kopf (Ruth Rosenfeld) lauert hinter der Ecke.

Handyempfang gibt es nicht, das Telefon in der Lobby ist nicht angeschlossen, der Müll wird nicht abgeholt – überhaupt fühlen sich die Dorfbewohner manchmal so richtig abgehängt. Vermutlich findet der gewöhnliche Theaterbesucher allein die Vorstellung, an solch einem Ort zu wohnen, reichlich schauerlich. Schlimmer ist eigentlich nur, sich dorthin zu verirren, von der besoffenen Hotelbetreiberin (Jule Böwe) übern Haufen gefahren zu werden, anschließend noch mit einem Feuerlöscher eine übergezogen zu bekommen, um dann in dem mysteriösen Zimmer Nummer 1 auf recht eigentümliche Weise von ihr und ihrem Mann (Kay Bartholomäus Schulze) gesund gepflegt zu werden. Der Fremde wird als Ausländer bezeichnet. Er ist einer von denen, die vor den Waldbränden aus dem Süden Richtung Norden geflohen sind. Die Unterbringung solcher Flüchtlinge ist per Gesetz verboten, und Aufnahmezentren gibt es auch keine mehr, wie man später erfährt. Etwas Horror, etwas Sozialkritik, doch wird weder das eine noch das andere konsequent umgesetzt.

»Die Anderen« bedient sich ebenso beim Gruselfilme-Genre wie bei der großartigen David-Lynch-Serie »Twin Peaks«, die mit ihrem düsteren Sound zwischen Jazz und Pop auch die Musik von Pierre Kissling inspiriert haben mag. Es kommt immer mehr Unerfreuliches über die Gemeinschaft zum Vorschein. Bilder von Live-Kameras werden auf eine Leinwand geworfen. Doch ist die Handlung reichlich vorhersehbar. Mit dem verirrten und verletzten Fremden mit dem hochliterarischen Namen Ulysses (Bernardo Arias Porras) wird es kein gutes Ende nehmen. Das ist spätestens klar, als der zweite Teil des etwas über zwei Stunden dauernden Abends damit beginnt, dass Suzanne (Veronika Bachfischer) in das Dorf kommt, um Nachforschungen über Ulysses’ Verbleib anzustellen. So dreht sich die von Christophe Engels und Karolien de Schepper entworfene Bühne noch ein paarmal vom Hotel zum Rathaus zur Wohnung der verrückten Witwe (Stephanie Eidt), um schlussendlich beim großen Finale im Hotel zu landen. Das aufgetischte Ragout, so viel kann verraten werden, ist weder aus Tier, noch aus Sojageschnetzeltem.

Die erste Arbeit der belgischen Theatermacherin Vandalem an der Berliner Schaubühne fügt sich mit atmosphärischer Bühne, perfekt abgestimmten Kostümen (Laurence Hermant) und Maske bruchlos in das hypernaturalistische Programm. Die Handlung ist jedoch arg einfach geraten, und die Dialoge entbehren sowohl Spannung als auch Poesie. Schwerwiegender aber ist der Einwand gegenüber dem Erzählten selbst. Denn trotz dunkler Geheimnisse, Schuldsuche und Schaudermomenten ist es weder eine gelungene Horrorgeschichte noch eine präzise Gesellschaftskritik. Das fügt sich wiederum in die jüngere Geschichte des Hauses. Abende wie »abgrund« und »Italienische Nacht« (beide inszeniert von Thomas Ostermeier) sind von einem ähnlichen Gestus getragen. Das gepflegte Lustgruseln fürs gehobene Bürgertum, verabreicht in homöopathischen Dosen und Fernsehfilmformat? Des Eindrucks kann man sich auch bei »Die Anderen« nicht erwehren.

Nächste Aufführungen: heute, morgen, 5., 7. und 8. Dezember.

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