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Aus: Ausgabe vom 03.12.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Autoindustrie

Spare, spare, Stelle streiche

Daimler kürzt 10.000 Arbeitsplätze. Neuem Vorstandschef reicht das nicht aus
Von Efthymis Angeloudis
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Kein Schwabe, dafür doppelt so sparsam: Der Schwede Ola Källenius, Vorstandschef von Daimler

Keine fünf Monate ließ der neue Vorstandschef von Daimler, Ola Källenius, verstreichen, um seine eigenen »Akzente« in der Führung des Autokonzerns zu setzen. 1.100 Führungskräfte aus verschiedenen Managementebenen sollen gehen, verkündete der Schwede Anfang November – jede zehnte Führungskraft in Deutschland. Der Druck fing oben an, machte da aber nicht halt. Bis Ende 2022 sollen mehr als 1,4 Milliarden Euro durch Personalabbau bei den Tochtergesellschaften »Mercedes-Benz Cars & Vans« sowie »Daimler Trucks & Buses« eingespart werden. Rund 6.000 Mitarbeiter wären davon betroffen. »Sollen wir an den 6.000 festhalten? Nach meiner Ansicht nicht«, sagte der Vorstandschef vor Investoren in London.

Am Freitag letzter Woche wurden nochmals 10.000 Stellen zum Kürzungsprogramm Daimlers hinzugefügt – mindestens. Es gehe um eine niedrige fünfstellige Zahl, sagte Personalvorstand Wilfried Porth. »Wir werden die Maßnahmen so sozial verträglich wie möglich gestalten«, versprach Porth in der üblichen Kahlschlagjargon. Daimler werde freiwerdende Stellen nicht nachbesetzen, dazu sollen die Altersteilzeit ausgeweitet und Mitarbeitern in der Verwaltung in Deutschland Abfindungen angeboten werden. Betriebsbedingte Kündigungen sind an den deutschen Standorten bis Ende 2029 ausgeschlossen. Das hatte der Betriebsrat unter Michael Brecht mit Källenius Vorgänger Dieter Zetsche vereinbart. »Ein kapitaler Managementfehler«, zitiert das Handelsblatt vom Montag einen Investor, der wohl Källenius aus der Seele spricht.

Spätestens jetzt müsste Betriebsratschef Brecht festgestellt haben, dass der Mann, den er bei Amtsantritt noch gelobt hatte, trotz schwedischer Herkunft in feinster schwäbischer Manier vor allem eines am Herzen liegt – den Rotstift anzusetzen. »Geld zu sparen ist keine Zukunftsstrategie. Entscheidend ist doch, wohin Daimler steuert», rügte Brecht seinen neuen Chef. Statt dessen forderte er angesichts der Mobilitätswende eine Flucht nach vorn: Die Transformation ziehe neue und zusätzliche Aufgaben für die Beschäftigten nach sich. Gleichzeitig verlange aber die Unternehmensleitung nun, dass dies mit weniger Personal gemeistert werde. »Die Belegschaft braucht eine klare und nachvollziehbare Vorwärtsstrategie. Ein Abbau von Kapazitäten darf nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden«, sagte Brecht der Deutschen Presseagentur.

Auf Eckpunkte zu einem »freiwilligen« Stellenabbau von mindestens 10.000 Arbeitsplätzen hat sich Källenius jedoch bereits mit dem Betriebsrat geeinigt. »Mehr wären besser«, sagte eine Führungskraft der Stuttgarter dem Handelsblatt. So wird das wohl auch sein Vorstandschef sehen.

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