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Aus: Ausgabe vom 03.12.2019, Seite 8 / Ansichten

Unschuldslamm des Tages: Siemens

Von Efthymis Angeloudis
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Der frühere Siemens-Vorstandsvorsitzende Heinrich von Pierer am 29. Mai 2008

»Für was haben die Schummel-Griechen schon wieder unser Geld verschwendet?« schien man sich in der deutschen Medienlandschaft in gewohnter Harmonie mit Bundesregierung und Kapital in den letzten zehn Jahren zu fragen. Renten für unverheiratete Töchter, Prunkprojekte, Fakelaki? Den Chauvinismusphantasien der hiesigen Besserwisser über ein niederes Volk, das gar nicht anders kann, als korrupt zu sein, und sich geradezu danach sehnt, von strenger, deutscher Hand geführt zu werden, waren keine Grenzen gesetzt. »Jetzt wird in Europa Deutsch gesprochen«, tönten damals CDU-Funktionäre gehässig.

Nur eins konnten oder wollten sich die Volksverhetzer nicht ausmalen: Dass das gute Geld vor allem dazu benutzt wurde, um die Auftragsbücher der deutschen Industrie zu füllen – allen voran die von Siemens. Des Deutschen liebster Konzern hat immerhin 70 Millionen Euro Schmiergelder bezahlt, um den griechischen Staat mit überhöhten Preisen um zwei Milliarden Euro zu filzen. Selbst dem jetzigen griechischen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis haben die Münchner 2007 130.000 Euro an Büroausstattung »geschenkt«. Am Montag hat nun ein griechisches Gericht die angeklagten Siemens-Manager wegen Bestechung und Geldwäsche zu Haftstrafen zwischen sechs und 15 Jahren verurteilt. Unter den Verurteilten auch sieben Deutsche, darunter der langjährige Vorstands- und Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer. Der hat prompt angekündigt, in Berufung zu gehen: Das griechische Gericht verstoße gegen elementare rechtsstaatliche Prinzipien. Pierer müsste sich sowieso keine Sorgen machen. Auch den ehemaligen Landeschef von Siemens, Michael Christoforakos hat Deutschland nach mehreren Anträgen Athens nicht ausgeliefert, weil er einen deutschen Pass hat. Das Bundesverfassungsgericht hat bewiesen, dass es Gnade vor Recht ergehen lässt, besonders wenn es um deutsche Manager geht.

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