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Aus: Ausgabe vom 02.12.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Der Krieg ist vorbei

Über eine Entgleisung von Exfußballnationalspieler Marco van Basten wird in den Niederlanden auch wegen eines vorherigen Rassismusskandals heiß diskutiert
Von Gerrit Hoekman
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Ein Herz für Deutsche: Marco van Basten (l.) im Duell mit Jürgen Kohler (r.) im EM-Halbfinale 1988

Frank Wormuth, der deutsche Trainer des niederländischen Erstligisten Heracles Almelo, erschien am vorletzten Wochenende sichtbar geknickt zum Interview beim Fernsehsender Fox Sports. Kein Wunder: Seine Mannschaft hatte bei Ajax Amsterdam mit 1:4 verloren. Doch am nächsten Tag redet niemand mehr über das Ergebnis, sondern nur noch über einen verbalen Aussetzer von Marco van Basten.

Der frühere Ausnahmestürmer ist inzwischen Experte bei Fox Sports. Im Studio lauschte er dem Interview, das Wormuth gleich nach dem Spiel auf dem Rasen gab, Reporter Hans Kraay führte das Gespräch auf deutsch. Als Wormuth schon aus dem Bild gegangen war, hörten die Zuschauer deutlich van Bastens Stimme, die dem Deutschen aus dem Studio ein »Sieg Heil!« hinterherrief. Noch während der Sendung brach in den sogenannten sozialen Netzwerken ein Shitstorm gegen den ehemaligen Nationalspieler los. Erschrocken entschuldigte sich der 55jährige umgehend bei Wormuth. Er habe nur einen Witz machen wollen: »Ich wollte das Deutsch von Hans Kraay veräppeln«, rechtfertigte er sich. Vermutlich war ihm gar nicht bewusst, dass er sich noch auf Sendung befand.

Van Basten gehört einer niederländischen Spielergeneration an, die für ihre derben, herabwürdigenden Späße gegenüber den Fußballern der BRD berüchtigt war. So sorgte Ronald Koeman etwa 1988 für einen Skandal, als er nach dem Sieg im EM-Halbfinale gegen die Bundesrepublik noch auf dem Platz so tat, als wische er sich mit dem westdeutschen Trikot den Hintern ab. Das entscheidende Tor schoss damals übrigens van Basten. Wenn es gegen die Auswahl der DDR ging, benahmen sich die Niederländer – soweit überliefert – jedoch immer korrekt.

Zu van Bastens Zeit als Profi waren die Deutschen noch reichlich unbeliebt. Wer in einem Auto mit westdeutschem Kennzeichen in den Niederlanden nach dem Weg fragte, erhielt nicht selten zur Antwort: »Den habt ihr 1940 doch auch alleine gefunden.« Eine Spitze gegen die Besetzung durch die Wehrmacht. Im emotionsgeladenen Fußballsport fand der Krieg noch lange seine Fortsetzung. Doch das Verhältnis hat sich inzwischen deutlich verbessert. Das zeigt die Empörung über van Bastens Entgleisung in den niederländischen Medien. »Wir hören aus den Schulen, dass Schüler auf diese Art versuchen, cool zu wirken und zu provozieren«, warnte das Israel-Informations- und -Dokumentationszentrum CIDI gegenüber dem Sender NOS. Fox Sports bestrafte seinen Experten mit einer Woche Mattscheibenverbot. Das Gehalt, das er bekommen hätte, geht an ein antirassistisches Projekt.

Vielen war die Strafe zu mild. Vor allem auch weil der Exprofi seinen verbalen Aussetzer just an jenem Spieltag hatte, an dem in jeder Partie der ersten beiden Ligen die Spiele eine Minute lang aus Protest gegen rassistische Gesänge in den Stadien unterbrochen wurden. Der Grund: Eine Woche zuvor hatten die Fans des Zweitligisten FC Den Bosch den in Schiedam geborenen Spieler Ahmad Mendes Moreira von Excelsior Rotterdam als »Scheißneger« und »Baumwollpflücker« beleidigt. Bei jeder Ballberührung hallten Affengebrüll und Liedchen, die vom »Zwarte Piet« (»Schwarzer Peter«), dem Gehilfen des Sinterklaas (»Sankt Nikolaus«) handelten, durchs Stadion.

Den-Bosch-Trainer Erik van der Ven reiste im Anschluss extra nach Rotterdam und bat Moreira persönlich um Entschuldigung, berichtete der Regionalsender Omroep Brabant auf Twitter. Van der Ven hatte den Spieler kurz nach der Partie ein »kümmerliches Männchen« genannt, weil der sich von den rassistischen Beleidigungen schwer getroffen zeigte. Der niederländische Fußballverband KNVB will in Zukunft mit intensiverer Videoüberwachung in allen Stadien die Täter ausfindig machen und mit längeren Stadionverboten bestrafen.

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