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Aus: Ausgabe vom 02.12.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Dann lieber abhauen

Falsche Stereotypen: Richard Linklaters Film »Bernadette«
Von Hannes Klug
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Darf ich dich mit meinem Verständnis erdrücken? Elgin (r.) will seine Frau Bernadette einweisen lassen

Im Jahr 1892 erschien im US-amerikanischen The New England Magazine die Kurzgeschichte »The Yellow Wallpaper« der Autorin Charlotte Perkins Gilman. Anhand von Tagebucheinträgen beschreibt die Erzählerin, wie sie auf einem abgelegenen Landsitz unter Aufsicht ihres Ehemannes ein psychisches Leiden auskurieren soll. In wohlmeinender Absicht, freilich grundiert von patriarchalem Unverständnis, schirmt ihr Mann sie von allen weltlichen Einflüssen ab. Statt zu genesen, verschlimmert sich in sozialer Isolation ihr Leiden – bis sie ganz zusammenbricht.

Falsche Brille

»The Yellow Wallpaper« wurde als feministische Anklage gelesen: gegen die medizinische, soziale und berufliche Unterdrückung der Frau. Die Grundidee des Films »Bernadette« ist nicht so existentiell bedrohlich – schließlich handelt es sich um eine Art Mysterykomödie –, aber grundsätzlich ähnlich: Nach einem zwar spektakulären, jedoch sehr rasch wieder abgewürgten Karrierestart als Architektin hat sich die in mentaler Schieflage befindliche Bernadette (Cate Blanchett) auf ihre Familie fokussiert, während ihr Mann Elgin (Billy Crudup) erfolgreich in der Computerbranche mitmischt. Allerdings agiert Bernadette im trauten Heim keineswegs wie eine biedere vorstädtische Hausfrau, sondern sonderbar bis verschroben. Das Heim verkommt, die Nachbarin zetert, und statt einkaufen zu gehen, ruft Bernadette lieber ihre persönliche Assistentin Manjula in Indien an, die jedoch – Achtung: Plot twist – in Wirklichkeit die Erfindung eines russischen Mafiarings ist, der die Familie um ihr Vermögen betrügen will.

Kurzum, Ehemann Elgin fragt sich und andere – fachliche – Autoritäten, ob Bernadette nicht besser in der Psychiatrie aufgehoben wäre. Seine Frau klettert derweil aus dem Fenster und verschwindet. Was folgt, ist eine Art Selbstfindungstrip inklusive Verfolgung durch Vater und Tochter, welcher die Beteiligten bis in die Antarktis führt. Nun mag man sich als Kinogänger des frühen 21. Jahrhunderts fragen, weshalb man eine komplexe Figur ausgerechnet durch die Brille eines derart stockkonservativen Umfeldes kennenlernen muss. Ist natürlich alles eine Sache der Perspektive: Während Gilmans Kurzgeschichte von 1892 als Folge zunehmend beklemmender Tagebucheinträge der weiblichen Hauptfigur erzählt wird, macht die von Richard Linklater verfilmte Bestsellervorlage »Where’d you go, Bernadette« von Maria Semple aus dem Jahr 2012 die Tochter Bee zur Detektivin. Durch Bees Recherchen ändert sich der Blick auf die Mutter, oder anders gesagt: Autorin Semple gibt Bernadette nicht nur ihre (vor-)vergangene Identität zurück, sondern verhilft ihr darüber auch zu alter Stärke.

Anders der Film, der Bernadette nahezu vollständig pathologisiert. Bei Linklater erscheint es durchaus verständlich, die labile Ehefrau einweisen lassen zu wollen, auch wenn das niemand richtig gut findet. Dass hier ein reichlich unausgegorener, mit allerlei kruden Versatzstücken aufgedonnerter (Selbst-)Findungsplot vor allem auf Kosten der weiblichen Hauptfigur gestrickt wurde, ist keineswegs lustig. Bernadettes Mann indes darf zumindest, wenngleich auch sehr langsam, verstehen, was er alles falsch gemacht hat. Einsicht ist Männersache. Dass der schneckengleiche Erkenntnisprozess des Microsoft-Ingenieurs Bernadettes charakterliche Entwicklung dramaturgisch bald dominiert, macht die Geschichte nicht eben besser, im Gegenteil.

Elgins Einsicht konterkariert das konservative Rollenbild »Mutter« mit der falschen Idee eines künstlerischen Naturells, das demnach gar nicht anders kann, als an den Banalitäten des täglichen Lebens zu scheitern. Die Frage, wohin um Himmels Willen Bernadette verschwunden ist, bleibt im Film nicht mehr als das verzweifelte Selbstgespräch eines tumben Ehemanns, dessen Liebste partout nicht mehr dieselbe ist wie früher. Bernadettes Berufung, lernen die Kinobesucher, besteht darin, als Künstlerin kreativ zu arbeiten, eben weil sie Künstlerin »ist«.

Diese Künstler

Doch nur weil zwei stereotype Diskurse – der des sozial inkompatiblen Künstlernaturells und der hysterischer Weiblichkeit – im Film gegeneinander ausgespielt werden, heißt das noch lange nicht, dass man sich einem davon verschreiben möchte. Gleichwohl gelingt es Cate Blanchett, ihrer Figur Leben einzuhauchen, daher dürfte für Fans dieser einzigartigen Schauspielerin selbst ein dürftiger Film wie »Bernadette« kein völliger Reinfall sein.

»Bernadette«, Regie: Richard Linklater, USA 2019, 111 Min., bereits angelaufen

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