Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 02.12.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Notorisch

Korrupter Anführer

US-Gewerkschaft UAW versagt: Schlechte Vorbereitung führt zu magerem Streikergebnis. Chef verprasst Gelder und tritt zurück
Von Stephan Kimmerle, Seattle
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Gut gekämpft, schlecht geführt: Streikender GM-Arbeiter im Oktober in Bowling Green/Kentucky

Die US-Gewerkschaftsbewegung hat ein neues altes Problem: 1,5 Millionen Dollar der Automobilarbeitergewerkschaft United Auto Workers (UAW) hatte Gewerkschaftsboss Gary Jones für Luxusreisen, teure Abendessen, exklusive Zigarren und Bekleidung für sich, seine Familie und seine nächsten Untergebenen ausgegeben. Am 21. November kam Jones seiner Absetzung als UAW-Präsident durch einen Rücktritt und den Austritt aus der Gewerkschaft zuvor. Er war nur gut ein Jahr in dieser Funktion.

»Es macht mich sehr traurig und ärgert mich, dass einige Anführer dieser Gewerkschaft und einige Leiter der Autokonzerne ihre Positionen ausgenutzt haben, um sich selbst zu begünstigen«, klagte Jones im Juni 2018. Da war er gerade als »Reformpräsident« gewählt worden, um die UAW nach dem bis dahin letzten Korruptionsskandal zu »erneuern«. Ein Fehlschlag.

Die US-Bundespolizei FBI untersucht die in dieser Hinsicht notorisch anfällige UAW seit Jahren. Anfangs ging es um ein von Fiat-Chrysler bezahltes »Schulungszentrum« der Gewerkschaft, das als eine Art Selbstbedienungsladen der UAW-Spitze fungierte. Der 2018 in diesem Korruptionsfall verurteilte Fiat-Chrysler-Manager Alphons Iacobelli sagte aus, Ziel sei es gewesen, Gewerkschaftsführer »fett, dumm und glücklich« zu halten.

Die Machenschaften der UAW-Bosse spielen stets den Konzernen in die Karten. Das FBI setzte die Durchsuchung von Jones’ Haus im August gerade dann in Szene, als die UAW mit General Motors (GM), Ford und Fiat-Chrysler über auslaufende Tarifverträge verhandelte. Während GM-Beschäftigte über eine Streikautorisierung abstimmten, berichteten die Zeitungen darüber, wie Gewerkschaftsgelder für persönliche Reisen und teure Luxusgüter wie »Rolex«-Uhren ausgegeben worden waren. Die Arbeiter mussten vom 16. September an mit 250 Dollar Streikgeld pro Woche auskommen. Und Mitte September erfuhren sie, dass ihr Präsident als regionaler Chef der Gewerkschaft ihre Mitgliedsbeiträge verprasst hatte.

Trotzdem legten 46.000 Beschäftigte die Arbeit nieder. »Es gab praktisch keine Streikbrecher«, so Jane Slaughter, ehemalige UAW-Aktivistin und jahrzehntelange Organisatorin der »Labor Notes«, der einflussreichen und stärksten Basisvernetzung aktiver Gewerkschafter in den USA. 31 Fabriken lagen still. Aber dem Enthusiasmus der Arbeiter zum Trotz sei der Streik nicht gut vorbereitet und nicht aktiv geführt worden, so Slaughter vergangene Woche gegenüber jW.

Die Gewerkschaft hat »die Mitglieder nicht darüber informiert, wofür gestreikt wird. Es gab keine Veranstaltungen davor, keine Demonstrationen, keine Flugblätter, keine Buttons und auch keine Aufkleber für die Autos«. Dabei sei das alles üblich vor größeren Arbeitsniederlegungen in den USA. Während des Streiks seien zwar Streikposten zugeteilt worden. »Aber mehr nicht. Kein Versuch, in die Community hinein zu wirken, keine Demonstrationen, keine guten Stories für die Medien«, so Slaughter.

Nach sechs Wochen endete der damit längste Streik bei GM seit 1970 mit wenig mehr als dem, was der Konzern vor dem Ausstand schon angeboten hatte. Nur 57 Prozent der Mitglieder stimmten mit Ja für die ausgehandelte Einkommenserhöhungen von sechs Prozent – über vier Jahre.

Die Aufhebung der Spaltung der Belegschaft in verschiedene Einkommensgruppen bei gleichen Tätigkeiten war für viele Streikende ein zentrales Anliegen. Daran ändert sich wenig. Slaughter zählt im neuen Tarifvertrag zehn verschiedene Gruppen innerhalb der GM-Beschäftigten mit unterschiedlicher Bezahlung für die gleiche Arbeit. Und die bei GM ausgehandelten Bedingungen wurden später im wesentlichen ohne Streiks von Ford und Fiat-Chrysler übernommen.

Jetzt führt Rory Gamble die Gewerkschaft. In seiner ersten Botschaft vom 5. November schrieb er: »Von diesem Tag an muss die UAW nicht nur die höchsten Standards einhalten, die von unseren früheren Anführern wie Walter Reuther eingeführt wurden. Wir müssen diese übertreffen.« Ausgerechnet: Reuther (1907–1970) hatte von den späten 1940ern an als UAW-Chef den »Administrative Caucus«, einen Verwaltungszusammenschluss, ins Leben gerufen. Mit dieser politischen Maschine innerhalb der UAW kontrollierten er und die Gewerkschaftsbosse bis heute die Organisation. Reuther, der vor allem Kommunisten und Sozialisten aus der Gewerkschaft entfernen wollte, nutzte dies letztlich gegen jegliche Opposition. 1979 hatte die UAW 1,5 Millionen Mitglieder. Heute sind es noch 400.000.

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